Freitag , 2. Dezember 2022
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Die Musicbanda Franui auf dem Marktplatz freute sich über ein wetterfestes Publikum. (Foto: t&w)
Die Musicbanda Franui auf dem Marktplatz freute sich über ein wetterfestes Publikum. (Foto: t&w)

SHMF in Lüneburg: Ein schräges Fest für Franz

Lieder von Franz Schubert werden in der Regel mit viel Melancholie gesungen. Auf dem Lüneburger Marktplatz boten die Musicbanda Franui und das Duo Die Strottern im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals ganz andere Interpretationen von berühmten Werken des Romantikers.

Lüneburg. Tropische Wolkenbrüche setzen die Bühne unter Wasser. Ungewissenheit, ob da noch was geht. Traut sich angesichts solcher Umstände das Publikum nach draußen? Lüneburger Kultur-Enthusiasten schreckte das schauderliche Wetter indes nicht. Viele strömten trotzdem auf den Marktplatz, füllten die Hälfte der klatschnassen Stühle und mussten erstmal warten, bis der Spaß mit 75minütiger Verspätung starten durfte.

Höhenflüge und emotionale Tieflagen

Trockenwischen, neuer Soundcheck, das dauerte, aber dann kam die Musicbanda Franui aus dem alpinen Osttirol, flankiert vom Wiener Duo "Die Strottern" mit ungebremster Leidenschaft zur Sache und boten gemeinsam einen außergewöhnlichen Beitrag zum Schleswig-Holstein Musik Festival: Ein kühner Ritt durch Franz Schuberts Universum stand auf dem Programm, mit künstlerischen Höhenflügen, die bevorzugt emotionale Tieflagen erforschten.

Schräg durft es sein. Bereits die Besetzung mit Streichern, Tuba, Harfe, weiteren Bläsern und Gitarre versprach spannende Klangwelten und akustische Eindrücke jenseits des Vertrauten, außerdem kann der wichtigste Vokalist des Abends, Klemens Lendl, eigentlich garnicht richtig singen. Jedenfalls reichen seine Töne dem Belcanto kaum zur Ehre. Das hörte sich eher nach Kurt Weills "Dreigroschenoper" an, die auf einen Ländler trifft, der wiederum vom Wiener-Lied inspiriert ist. Irgendwie ein Zwischenbereich aus Jazz und Folk, rauh und meist ungezähmt, dramatisch und gelegentlich sarkastisch. Musik, die oft vom Tod erzählt und doch hinter der Trauer ein Lächeln aufblitzen lässt. Weit gefehlt, wer dabei puren Dilletantismus wähnt. Die Interpreten haben schon den halben Globus bespielt und das mit beachtlichem Erfolg.

Arrangements fernab vom Mainstream

Was für eine sehr individuelle Note spricht, Arrangements fernab vom Mainstream. Schubert also. "Der Wanderer" zum Beispiel, in dieser Version kaum bisher erklungen. Die Instrumentalisten nähern sich dem Komponisten auf ganz spezielle Weise, weniger mit Ehrfurcht als mit Wagemut. Sie zersägen, zerlegen, übermalen und überzeichnen, sezieren und skelletieren, fügen aus dem Torso etwas überraschend Neues und steigen dabei stets vergnügt in die Abgründe der Schubert`schen Lieder: Es wird ein Fest für Franz durch die Brille des 21. Jahrhunderts.

Beide Ensembles folgen historischen Spuren, erfinden zugleich eine aufregend andere Sprache, die verschiedene Stile virtuos mischt. "Umspannwerk" nennt Franui diesen Prozess, der reichlich Platz für Improvisation gönnt. Als Jugendliche haben sie erste Erfahrungen auf Friedhöfen gesammelt bei Beerdigungen, denen sie musikalischen Trauerflor verliehen. Das passt natürlich, wenn sie im gereifteren Alter "Der Tod und das Mädchen" anstimmen, natürlich mit künstlerischer Freiheit gestaltet und großartigem Können. Dennoch zertrümmern die Musicbanda sowie Klemens Lendl und David Müller von den Strottern das Original nie rabiat. Im Gegenteil, sie berufen sich ausdrücklich und hartnäckig auf eine Seelenverwandtschaft mit Franz Schubert.

Moderation mit dadaistischen Anklängen

Das glaubt ihnen vermutlich jeder, die Beweise sind unwiderlegbar. Von den Moderationen, die manchmal im Doppelpack fast dadaistische Züge annehmen bis zur Aufforderung mitzuweinen, wenn "Der Müller und der Bach" ansteht, hat der gesamte Abend ein ironisches Augenzwinkern, inklusive Ausflügen zu anderen Komponisten wie Josef Hornig, immer wieder den Franui-Akteuren Markus Kraler und Andreas Schett sowie Tom Waits als Zugabe: Musik ganz abseits der braven Konvention, aber ein Genuss mit Seltenheitsprädikat. Am Schluss und zwischendurch starker Beifall, der dem Regen keine Chance gab.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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