Freitag , 2. Dezember 2022
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Na, was macht das Wetter? Ulrich Tukur entdeckt die nächste Regenwolke und hat mit seinen Rhythmus Boys trotzdem Spaß am Konzert. (Foto: t&w)
Na, was macht das Wetter? Ulrich Tukur entdeckt die nächste Regenwolke und hat mit seinen Rhythmus Boys trotzdem Spaß am Konzert. (Foto: t&w)

SHMF: Der Swing durchdringt die Friesennerze

Zwei reichlich nasse Open-Air-Tage bot das Schleswig-Holstein Musik Festival auf dem Lüneburger Marktplatz. Nach Konzerten rund um Franz-Schubert präsentierten nun Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys ironisch gebrochene Evergreens aus Deutschland und Amerika. Das wetterfest verpackte Publikum genoss den Auftritt.

Lüneburg. „Der Bürgermeister hat gesagt, es hört gleich auf zu regnen!“ Wer in strömendem Regen sitzt und versucht, sich zu amüsieren oder wenigstens gut zu unterhalten, der ist für ein bisschen Zuspruch schon dankbar. Ulrich Tukur, renommierter Schauspieler, heute Abend Sänger, Pianist und Moderator, sitzt mit seinem Trio, den „Rhythmus Boys“, unter dem Bühnenzeltdach weitgehend im Trockenen und hat nun vor, alte Lieder über den nassen Marktplatz zu schicken, Gassenhauer wie „Puttin` on the Ritz“ und „Goody Goody“. Die swingenden Oldies kamen tatsächlich an bei dem paarweise sitzenden wasserfesten Publikum.

Nach dem Franz-Schubert-Abend am Donnerstag hatten die Programmplaner des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit dem Lüneburger Freitag erneut einen Tag erwischt, der für Open-Air eigentlich denkbar ungeeignet war. Pech. Zum Glück gehört auch Humor zum Repertoire der Combo, die in ihren kackbraunen Jacketts den Charme einer eher halbmondänen Bande im Stil der Zwanziger- und Dreißiger Jahre verströmte.

„Wir sind die einzige Tanzkapelle, die noch besser aussieht als sie spielt“, sagt Ulrich Tukur. Zweifellos: Da ist Günter Märtens, mit seinen 2,06 Metern den Kontrabass locker überragend. Dann: Kalle Mews, auf 1, 59 Meter gebündelte Energie am Schlagzeug. Viertens: Gitarrist Ulrich Mayer, normal groß, dafür mit einer Schmalztolle ausgestattet, die aussieht, als hätte er auch im Regen gestanden. Mayer kann – naja: fast – Soli wie Jimi Hendrix, also mit der Gitarre hinter dem Kopf, Märtens tanzt – etwas hüftsteif – mit seinem massigen Instrument, und Tukur schlägt gern mal beim Klavierspiel lasziv die Beine übereinander. Man muss ja nicht immer beide Pedale bedienen.

Musikalisch sind Tukur und die Rhythmus Boys, der Name verweist auf das Wechselspiel deutscher und englisch-amerikanischer Tanzmucke, natürlich souverän. Immerhin haben sie längst ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert, in Lüneburg waren sie natürlich auch schon. Hier „Between the devil and the deep blue see“ von George Harrison, „In the mood“ und „Tuxedo Junction“ von Glenn Miller, dort Rudi Schurickes „Von acht bis um acht“ und Ilse Werners „So wird`s nie wieder sein“: Da wippen die Gummistiefel. Manches könnte mehr Dynamik vertragen, die Truppe wirkt zuweilen ein wenig uninspiriert – okay, die Konzertbedingungen waren trotz guten Sounds auch suboptimal, in einem plüschigen Salon wäre das Programm „Rhythmus in Dosen“ ganz anders rübergekommen. Aber es drang allerhand Applaus aus den Friesen­nerz-Reihen hervor. Außerdem gab es neben den Evergreens ein paar Perlen komödiantischer Unterhaltungsmusik zu entdecken – „Bongo, Bongo, Bongo“ zum Beispiel, was sich auf Kongo reimt, aus dem Jahr 1947 stammt und political unkorrekt von einem weißen Missionar und einer schwarzen Eingeborenen erzählt.

Das Abend-Konzert (es gab auch ein genauso verregnetes am Nachmittag) hatte eine halbe Stunde später begonnen, um den düsteren Wolken Zeit zu geben, sich über Lüneburg abzuarbeiten. Der Wetterpoker gelang nur bedingt, aber der Bürgermeister behielt zumindest teilweise Recht. Nach den Zugaben, nach einer stimmungsvollen Soundcollage über den Hamburger Hafen, verebbte das Gepladder allmählich.

Von Frank Füllgrabe

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