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Verrucht, androgyn und sexy – mit langer Zigarettenspitze betörte einst Marlene Dietrich die Welt – in der Revue gespielt von Lena Müller. (Foto: Jens Hauer)
Verrucht, androgyn und sexy – mit langer Zigarettenspitze betörte einst Marlene Dietrich die Welt – in der Revue gespielt von Lena Müller. (Foto: Jens Hauer)

Im Bauchnabel der Welt

So grau die Tage waren, so schillernd die Nacht. An die vermeintlich Goldenen Zwanziger, an Marlene Dietrich, Anita Berber, Josephine Baker, die Comedian Harmonists und viele mehr erinnert die rasante Show „Berlin, Berlin“. Im Berliner Admiralspalast feierte die Revue Premiere, ab Januar geht sie auf Tournee, wird das Publikum mitreißen und auch mal stocken lassen.


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So grau die Tage waren, so schillernd die Nacht. An die vermeintlich Goldenen Zwanziger, an Marlene Dietrich, Anita Berber, Josephine Baker, die Comedian Harmonists und viele mehr erinnert die rasante Show „Berlin, Berlin“. Im Berliner Admiralspalast feierte die Revue Premiere, ab Januar geht sie auf Tournee, wird das Publikum mitreißen und auch mal stocken lassen.

Berlin. Sie sollen mehr als 40 Theater und 170 Varietés gehabt haben, damals in den Goldenen Zwanzigern, den Roaring Twenties in Berlin. „Willkommen im Bauchnabel der Welt“, begrüßt hundert Jahre später der Conferencier im Admiralspalast. Die Band spielt „Puttin’ on the Ritz“, die Showtreppe blitzt im Licht, Champagner fließt. Schon tritt auf, was in den wilden Zwanzigern Klang und Namen hatte, von der Dietrich über die Berber und die Baker bis zu den Comedian Harmonists. Die Show „Berlin, Berlin“ an der Friedrichstraße bringt sie alle zurück, reißt mit und blendet nicht aus, wie Freiheit und Freizügigkeit in Gewalt verrauschen.

Vor zwei Jahren feierte die Show Uraufführung, lief rund, bis die Pandemie sie verstummen ließ. Zum Neustart frischte das Team um Martin Flohr (Konzept) und Christoph Biermeier (Buch, Regie) die Szenen visuell und mit einem Plus an Berlin-Flair auf. Das bekommt der Sache gut. Geblieben ist die Rasanz, mit der die Show durch die fiebrigen Jahre und ihre purzelnden Tabus schlaglichtert.

Ein Showblock für die Comedian Harmonists

Zuerst betritt ein Kriegsveteran das Varieté. Er will vergessen, verdrängen, das bunte Leben im grauen spüren. „Berlin, Berlin“ deutet an, was jenseits der schillernden Nächte passiert. Den roten Faden legt Simon Stockinger, der Showmaster, genannt der Admiral: Er stellt sie vor, die Geister der Nacht, er charmiert, verführt, erkennt die Zeichen der Zeit und macht weiter, bis der Vorhang fällt. Doch noch regieren Charleston, Lindy Hop, Swing. Die Damen fegen im Flapperlook mit Bubikopf und kniekurzen Fransenkleidern übers Parkett, die Herren tragen Smoking, auch mal einen Glitzerfummel.

Drei starke Frauen sprengen tradierte Rollen und prägen die Show. Allen voran ist es Anita Berber, femme fatal, Vamp, Fachfrau für „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“. Jill Clesse singt die Berber als lebenden Exzess. „Ich bin die dunkle Seite des Monds“, sagt Anita Berber, die sich im wahren Leben mit nur 28 Jahren allzu schnell verbrannt hatte. Noch ist sie in Bestform wie ihre Kolleginnen. Etwa Josephine Baker, Dominique Jackson legt in der Rolle Männer-Projektionen von Exotik und Erotik offensiv aus. Und natürlich posiert auf der Bühne im Herrenanzug und mit langer Zigarettenspitze Marlene Dietrich, gespielt von Lena Müller.

Es geht Schlag auf Schlag. Kurz betreten die Herren Brecht und Weill schlecht gelaunt das Varieté. Einen knackigen Showblock bekommen die Comedian Harmonists, und auch das „Weiße Rössl“ wird auf die Spitze getrieben, jene Berliner Operette, die bald als „entartet“ verboten wurde.

Der heitere Showhimmel verdüstert sich nur kurz

Der Soundtrack bedient sich der Zeit, von Claire Waldoffs „Es gibt nur ein Berlin“ bis zum Jazz. Gerade singt die Baker noch „It don’t mean a thing“, schon folgt „Stormy Weather“, und es ziehen dunkle Wolken am Bühnenhorizont auf. Ein paar musikalische Anleihen aus späterer Zeit kommen hinzu.

Songs aus „Cabaret“ sorgen für Tiefe und Hintergründigkeit. Dagegen setzt der „Lachfoxtrott“ von Robert Kreis das Humor-Highlight, umwerfend gespielt und gesungen von Kutte alias Sebastian Prange. Das Publikum lacht unter der Maske mit, es kann und will nicht anders. Kutte, das ist das Gegenstück des Admirals, ein naiver Berliner Junge, der gern Nachtclub-Star wäre und mit seinem Auftauchen die Show erdet.

Die Arrangements sitzen, die Band groovt prächtig, die Choreographien sind geradezu artistisch, gesungen und getanzt wird durchweg auf hohem Level. „Berlin, Berlin“ zieht unweigerlich mit, auch wenn um der Show willen Szenen und Figuren plakativ bleiben müssen. Der „Tanz auf dem Vulkan“ endet brutal. Aus gerade noch heiterem Showhimmel fällt eine riesige Hakenkreuzflagge über die Bühne, und all diejenigen, die gehen müssen, singen, nur noch als Schattenriss erkennbar: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“. Ein starkes Bild, ein starkes Finale. Aber „Berlin, Berlin“ entlässt das Publikum nicht deprimiert – die Zeit dreht vor, Kutte und der Admiral kehren zurück…

„Berlin ist groß, aber nicht artig“, sagt der Admiral einmal. Die Show ist in ihrem Hochglanz und in ihrer Perfektion schon etwas artig, großartig ist sie trotzdem. „Berlin, Berlin“ läuft bis zum 2. Januar in Berlin. Dann geht die Revue auf Reisen – mit Stationen vom 11. bis 16. Januar in Hannover und vom 8. bis 20. Februar auf Kampnagel Hamburg.

Von Hans-Martin Koch

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