Mittwoch , 28. Oktober 2020
Die Hamburger Band „Liedfett“ feierte am Sonnabend auf den Sülzwiesen ihr erstes Konzert seit dem Corona-Lockdown. Foto: t&w

„Durchbruch“ auf den Sülzwiesen

Lüneburg. Sie hätten lauthals mitgegrölt und wären kreuz und quer durcheinander gehüpft. Normalerweise, bei einem Konzert von „Liedfett“. Am Sonnabend hieß es auf den Sülzwiesen allerdings sitzenbleiben, als Schutzmaßnahme vor Corona. Die Fans hatten es sichtlich schwer, nicht aufzuspringen, während die Hamburger Band auf der Bühne einheizte. Erst einen Tag zuvor hatte sie ihr neues Album „Durchbruch“ herausgebracht. In Lüneburg feierten die Hanseaten die Eröffnung ihrer „Mit Abstand“-Tour.

„Kopf aus, Herz an!“, lautete die Ansage von Daniel Michel. Er ist der Sänger der Band, die mit Lucas Uecker an der Gitarre, Philipp Pöhner am Schlagzeug und Victor Flowers am Bass komplett ist. Ihren Musikstil bezeichnen die vier als „Liedermaching Underground“ und bringen ihn mit der Beschreibung „Liedgerichte mit ordentlich Fett als Geschmacksverstärker“ auf den Punkt. Es ist eine Mischung aus Punk, Rock, Pop und deutschem Sprechgesang, die der nach eigenen Worten „international einflussreichsten und asozialsten Band der Welt“ seit 2007 zahlreiche Auftritte bescherte. Auf dem Lüneburger Kultursommer präsentierte sie zum ersten Mal ihr neues Album. Die treuen Fans, die sie begleiteten, waren unter anderem an ihren Fan-Klamotten zu erkennen: Jacken waren mit dem Bandnamen beklebt und auf T-Shirts prangte groß das Band-Logo.

‚Trinken‘, was auch immer!

„Rein-bü-geln!“, röhrte das Publikum den traditionellen Liedfett-Schlachtruf. Wer die Band nicht so gut kennt, mag damit etwas anderes verbinden, als gemeint ist. Sänger Daniel Michel klärt daher vorsichtshalber auf: „Die Bedeutung ist ganz einfach: ‚Trinken‘, was auch immer!“

Lebensfreude und Ironie sind es, was die Musik von Liedfett ausmacht. Die Band plädiert für Toleranz, positioniert sich gegen Faschismus und feiert auf die Liebe statt auf Krieg. Seit sie auf ihrer „Goldene Zeiten“-Tour im vergangenen Jahr mit der elektrischen Gitarre die akustische ersetzte, ist ihr Klang lauter und härter geworden. Das Tempo ist schnell, die Texte sind zum Mitsingen und Nachdenken.

„Viel zu viel für mein Hirn“

„Alle wissen Bescheid, natürlich, nur ich nicht“, singt Daniel Michel, macht sich über Verschwörungstheoretiker lustig und thematisiert die Verbreitung von Falschnachrichten im Internet: „Fake News auf mei‘m Bildschirm ‚Die Erde ist ‚ne Scheibe‘ – viel zu viel für mein Hirn“. In dem Song „Scheitern“ schmettert das Publikum mit: „Ach, wenn doch nur der Wind nicht wär‘, von dem ganzen Gegenverkehr, wär‘ das alles leicht, leicht, leicht, Scheitern reicht.“

Nach einer Dreiviertelstunde verabschiedete sich die Band – von ihrem neuen Album. Waren die ersten Zuschauer schon nervös geworden über das Ende des Konzerts, beruhigte sie die Band wieder. Natürlich ging es noch weiter, über eine Stunde sogar, aber mit den älteren Liedern. Nun waren auch die letzten der rund 450 Zuschauer locker geworden, die Sonne ging in einem prächtigen Farbspiel unter, die Sommerluft war noch immer warm. Und selbst auf dem Nachhauseweg summten Besucher noch die Melodien des Abends.

Von Franziska Ruf