Samstag , 26. September 2020
Vicky Leandros begeistert ihre Fans auf den Sülzwiesen mit einem spontan zusammengestellten Programm. Foto: t&w

„Ich liebe das Leben“

Lüneburg. Endlich, endlich könne sie wieder ein „richtiges“ Konzert geben: Vor mehreren Hundert Zuhörenden auf den Sülz­wiesen bedankte sich Weltstar Vicky Leandros für deren Treue. Manche hier haben sie schon öfter live erlebt, ihr Weg nach Lüneburg ist ja nicht weit. Die auf Korfu in Griechenland geborene Sängerin, mit bürgerlichem Namen Vassiliki Papathanasiou und seit 1986 Freifrau von Ruffin, lebt – mit einigen Unterbrechungen – seit ihrem sechsten Lebensjahr in Hamburg bzw. in Norddeutschland.

Es sei ihr allererster Auftritt nach gefühlt langem Corona-Darben, sagte die vielseitige Chansonette, Komponistin, der Pop- und Schlagerstar. Ihre Freude darüber merkte man Vicky Leandros an, gleich ihr erster Hit weckte auch jene Fans, die das heiße Sommerwetter womöglich noch etwas lethargisch machte: „Après toi“, der Song, durch den sie 1972 schlagartig weltbekannt wurde, denn sie gewann mit diesem von ihrem Vater Leo Leandros als Co-Autor geschriebenen Lied in Wien den Grand Prix de la Chanson (Eurovision Song Contest) für Luxemburg. Da war Vicky Leandros 20 Jahre alt. Mit fünfzehn war sie schon einmal für Luxemburg gestartet: „L’amour est bleu“ heißt das Lied, mit dem sie immerhin Vierte wurde, und das sie auch in Lüneburg performte.

Kein Chor mit dem Publikum – wegen Corona

Denn sie liebt es, aus ihrem Leben zu plaudern, mit Dankbarkeit, Charme und feinem Humor. In Japan werde dieses Lied immer noch gern gespielt, besonders in Tokyos Karaoke Bars. Normalerweise gehe sie dafür mitten ins Publikum und stelle sich dort einen Refrain-Chor zusammen, der dann die deutsche Strophe übernehme. Doch wegen Corona, bedauerte sie, komme das nun nicht infrage.

Die Gefühle, die Vicky Leandros in guten und auch schweren Situationen begleiteten, offenbaren sich in ihren Songs, die in rund 550 Alben veröffentlicht sind. Deren teils anspruchsvolle Texte und zündende Melodien, deren Stimmung und Gefühlspotential lotet sie stets mit ihrem individuellen Gesangsstil und großer Begeisterung aus. Meist sind es positive Emotionen, die die Atmosphäre ihres gefälligen Liedguts prägen, manchmal werden Schwermut, Melancholie oder Heimweh laut. Doch immer siegen letztlich Optimismus und Frohsinn. „Ich liebe das Leben“ sei ihr Lieblingslied, hat sie oft gesagt. Auf den Sülzwiesen sang sie es mit schöner Empathie, viele klatschten schließlich mit. Wie dieser, sagen ihre Songtexte oft mehr aus, als ihr erstes Hören vermuten lässt, ob deutsche oder griechische von ihr selbst oder Theodorakis, ob im Oldie-Hit oder in der Ballade auf Deutsch, im Chanson auf Französisch, in Pop oder Folk auf Englisch, Japanisch oder Holländisch. Mit „Ich bin wie ich bin“ oder „Valentin“ feierte sie wieder Werte wie Individualität, Respekt und Toleranz, mit „“Verlorenes Paradies“ den schon in den 70ern entbrannten Kampf gegen Umweltsünden, mit „Les temps des fleurs“ die Jugend und die Liebe ohne Angst, mit „Die Bouzouki klang“, anderen griechischen Liedern und einem griechischen Medley Heimatklänge und das Auftrumpfen gegen männliche Eifersucht, den Trost des Zusammenlebens und das Spielerische an der Leidenschaft. Auch ihr Scheidungsschmerz blieb nicht aus: „Fremd in einer großen Stadt“ galt ihr selbst in Berlin, wo sie Mitte der Achtziger ihr Leben neu in den Griff bekam.

Satte zweieinhalb Stunden in Bestform

Das Programm stellte sie vor Ort spontan zusammen, nicht einen bestimmten Soundtrack, sondern einen Mix aus dem, was ihre Fans kennen, und aus eher weniger populären älteren und neueren Liedern. Ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum feierte sie vor zwei Jahren. Zwei Konstanten seien ihr stets wichtig gewesen: Ihre Familie und ihr Publikum. Es gibt eine dritte: ihre Band, ein fantastisches Trio, das (mit)singend und mitreißend mehrere Instrumente spielt.

Stimmlich auch nach fast zweieinhalb Stunden noch in ihrer Bestform, gewährte Vicky Leandros außer ihrem erklärten Favoriten des Abends, „Halleluja“ eine weitere Zugabe, jenen Gassenhauer, der sie heute noch immer gern in die deutsche Schlagerecke rückt: „Theo, wir fahr’n nach Lodz!“

Von Antje Amoneit