Dienstag , 29. September 2020
Seit Wochen ist Samer Samra im Fenster des Museums zu beobachten, wie das großformatige Bild entsteht. Hier schaut Sohn Karam zu, wie der Vater vorgeht. Foto: t&w

Eine Kogge wirbt für das Museum

Lüneburg. Wenn Samer Samra Pinselstriche auf die Leinwand setzt, hat er oft Zuschauer, denn sein provisorisches „Atelier“ befindet sich direkt hinter einer großen Fensterscheibe des MuseumsLüneburg, an der Seite zur Willy-Brandt-Straße. Dort entsteht ein riesiges Gemälde, das für die kürzlich eröffnete Pilgerausstellung werben soll. Täglich bleiben Passanten stehen und blicken herein. „Meist Frauen oder Kinder, Männer eher selten“, erzählt der Syrer, der seit etwa einem Jahr für das Museum arbeitet. Seine Sprachkenntnisse sind schon recht gut, dennoch hat er heute Sohn Karam als Übersetzer an seiner Seite.

Das Bild ist gewaltig groß, fünf Meter lang, 1,90 Meter hoch. Seit etwa drei Wochen ist der Künstler dabei, eine Kogge im hohen Wellengang über das Meer schaukeln zu lassen. Das Motiv ist ein Votivbild, genauer gesagt ein Mirakelbild, das die Heimkehr von der Wallfahrt nach Santiago de Compostela darstellt, ein Exponat der Ausstellung. Eine Din-A4-Kopie hat sich Samer an den Rand der Leinwand gepinnt. Es zeigt, wie 1517 Herzog Heinrich der Mittlere von Braunschweig-Lüneburg zusammen mit Adligen in einen heftigen Sturm gerät.

Er packt gerne überall mit an

Bevor der leidenschaftliche Maler mit dem Projekt loslegen konnte, musste er erst einmal eine Leinwand erstellen. Beim Zusammenbau der Leisten und dem Bespannen mit Leinwandtuch hat ihm seine Tochter Rita geholfen. Auch sie hat eine künstlerische Ader, malt Porträts und liebt die Kalligraphie, wie der Papa stolz berichtet. Nicht zu vergessen Karam, der sich auf Porträts und Bleistiftzeichnungen spezialisiert hat.

Vor einem Jahr habe der Syrer, der seine Heimat verlassen musste, angefragt, ob es im Museum Arbeit für ihn gäbe, erzählt Museumsleiterin Prof. Dr. Heike Düselder. Eine AGH-Maßnahme macht‘s möglich, den begabten Künstler anzustellen. Seither habe er schon etliche Bilder gemalt, packe aber auch gerne überall mit an, wo Hilfe gebraucht wird, wie die Chefin berichtet. „Wir sehen die Integrationsleistung in Sachen Flüchtlingshilfe auch als eine Aufgabe des Museums an“, betont Düselder. Immer wieder werden auch Praktika ermöglicht, so sei derzeit eine Mosaiklegerin aus dem Iran im Hause.

Doch zurück zum Mega-Bild. Angefangen hat der 57-Jährige mit Farbflächen-Streifen für Himmel, Wasser, Erde – bevor er die Kogge in Wellenkämmen tanzen ließ und bedrohliche Wolken an den Himmel zauberte. „Jetzt fehlen noch die Menschen im Boot“, erklärt er. Da ist wieder viel Feinarbeit nötig, aber gerade das liebt Samer, der sein Hobby quasi zum Beruf gemacht hat. Von Haus aus ist er Grafikdesigner, hatte in Syrien zudem ein Geschäft für Künstlerbedarf. Auch dort habe er gerne Riesenformate benutzt.

Noch bis zu drei Wochen bis zur Fertigstellung

Im Museum geht er gern umher und lässt sich von den Exponaten inspirieren. So hat es ihm ein ausgestopfter Eisvogel in der Abteilung Natur angetan, den er detailgetreu in natürlichen Farben abgebildet hat. Auch eine Außenansicht des Museums, ein Glaskelch aus dem 16. Jahrhundert, archäologische Funde, die Aussicht auf St. Johannis und – mit dem Blick fürs Besondere – eine der Figuren vom oberen Beckenrand des Luna-Brunnens. Zum Eisvogelbild gibt es sogar ein Youtube-Video in der die Reihe „Museumslieblinge“, in dem Samer von den vielen Blautönen des Gefieders schwärmt und erklärt, was ihm so sehr an dem Eisvogel gefällt (Arabisch mit deutschen Untertiteln, https://www.museumlueneburg.de/news/n20/videos.htm).

Bis zur Vollendung des mannshohen Koggen-Bildes werden noch zwei bis drei Wochen vergehen. Zurzeit kämpft er mit der Hitze – nicht weil es ihm zu warm ist, sondern weil die Farbe so schnell trocknet, was Korrekturen schwieriger macht.

Wenn das Werk dann fertig ist, wird es eine kleine Vernissage geben, kündigt die Museumsleiterin an. Sollte der Platz einmal für etwas anderes benötigt werden, gibt es nur eine Lösung: Den Rahmen entfernen und die Leinwand aufrollen, aber auch darin hat Samer Samra Erfahrung.

Von Dietlinde Terjung