Montag , 21. September 2020

Schnell wieder auf die Bühne

Lüneburg. Ein ganz gewöhnlicher Tag im Café, 11 Uhr am Morgen, draußen an der Glockenstraße. Sie kommen mit dem Rad, sie von rechts, er von links. Miss Allie wählt einen Flat White mit Hafermilch, das muss irgendwie mit Kaffee zu tun haben. Philip Richert nimmt einen Cappuccino. Sie ist Musikerin, er Schauspieler. Sie kennen sich nicht, aber beide bekommen den mit 2000 Euro dotierten Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg. Jetzt lernen sie sich kennen. Aber stopp! Ein Presslufthammer brüllt auf. „Ich versteh’ nichts“, sagt sie. Oder war er es?

Weiter geht’s im Innenhof. Luft frisch, Kaffee heiß, Neugier groß. Miss Allie ist jetzt 30, Philip Richert packt ein Dutzend drauf. „Ich habe in der Uni eine Show von Dir gesehen“, sagt sie, „hat mir sehr gut gefallen“. Sie baute an der Leuphana ihren Master in Kulturwissenschaften. Er trat dort bei einer Veranstaltung auf, in seiner Rolle als Lulu Mimeuse, der alternden Diva.

„Miss Allie“, sagt er, „ist mir ein Begriff. Aber ich habe, ehrlich gesagt, Dich noch nicht gehört.“ Am Ende des Kaffees wird er versprechen, sich ein Album von ihr zu kaufen. Gleich heute.

Zwei Künstler, die vor Energie strotzen. Miss Allie hat sich durch harte Arbeit, unermüdliches Touren quer durch die Republik nach vorn gespielt. Sie ist die kleine Liedermacherin mit Herz. Auf den ersten Blick. Auf den ersten Ton. Ja, sie singt auch Liebeslieder, aber die meisten ihrer Texte haben doppelten und dreifachen Boden, und aus ihrer gerade noch so lieblichen Stimme wird plötzlich ein Röhren und Beißen. Miss Allie wird von Kabarettisten und Comedians in Shows geladen, auf der Bühne, im TV. Ihr Tourplan reicht von Husum bis Wien und bis in den September 2021.

Die Krux mit der künstlerischen Vielseitigkeit

Philip Richert quälte sich, musste sich entscheiden und wählte den Weg, der ihm sicherer erschien. Musik oder Schauspiel? Wohin? „Stressig, stressig, stressig.“ Hätte er das Gefühl gehabt, von der Musik leben zu können, er hätte es gemacht. Es wurde das Theater. Seit 2010 spielt er in Lüneburg und findet Zeit und Raum für seine Musik. Für seine Band As You Like It, auf der Bühne für die Zicken-Zoten-Diva Lulu Mimeuse, für Rocktheater wie „Struwwelpeter“ und „Black Rider“, zuletzt für einen bitterbösekomischen Liederabend mit Songs von Georg Kreisler und Thomas Pigor.

Sie haben Erfolg. Das ist schön, ändert aber einiges. „Anfangs kannte mich keine Sau, ich konnte die Leute überraschen“, sagt Miss Allie. Das hat sich geändert. „Ich kann nicht mehr so tun, als ob mich keiner kennt“. Blick auf ihren Tourplan: Duisburg ausverkauft, Mainz und Bremen hochverlegt, also größerer Saal. Es läuft gut – wenn Corona die Konzerte erlaubt. Das Publikum kommt nun mit Erwartungen, will bestimmte Lieder. „Schweinesteak medium“ ist so eins, das spielt sie immer. “Labern war früher“, sagt sie. Jetzt brauche ein Auftritt eine gute Dramaturgie, sie hat auch an ihren Moderationen gefeilt.

Erfolg bringt Künstler auf die Sonnenseite, aber da fallen auch Schatten. Miss Allie erlebt Aufdringlichkeiten, „es gibt wirklich abgedrehte Leute, das geht in Richtung Stalking, und es gibt da kaum Schutz.“ Sie bleibt auch in dem Gespräch Miss Allie, ein Künstlername kann eine Hülle sein. Philip Richert wird im Kindergarten und auf dem Markt als Lulu Mimeuse identifiziert. Aber er mag die Festschreibung nicht, hat die Diva zeitweise auf Eis gelegt, spreizt sein Repertoire. „Ich will auch weiter Shakespeare spielen.“

Den Lockdown als 29kreative Phase genutzt

Sie stammen beide aus der Provinz. Miss Allie kommt aus Mecklenburg, ein Dorf, 74 Einwohner. Sie nennt den Namen nicht, „safe space“, ein Rückzugsort. Philip Richert wuchs in der Lüneburger Heide auf, „Bundeswehr-Standort Faßberg“. Ein Ort, um Abstand zu gewinnen, Ideen zu spinnen.

Corona gibt Zeit dafür. Miss Allie war an die zwei Jahre auf Dauertour. „Die Pause war überfällig, ich lief nur noch auf Reservegang.“ Aber: „Ist der erst mal drin, ist man von 200 Prozent auf minus zehn runter, dann fällt es schon schwer, raufzuschalten.“ Jetzt ist der Gang wieder drin, es kribbelt, Lieder wollen raus.

Mal nicht auf die Bühne gehen, das tat schon gut, sagt Philip Richert. Als der Lockdown zuschlug, saß er mit seinem Team am Tisch, bereitete den „Sturm“ als Rocktheater vor. Und dann: „Ja, bei mir auch, von 200 Prozent auf null.“ Produktion verschoben, seit Mitte März durften die Künstler das Theater nicht betreten. „Da liegen noch Sachen von mir in der Garderobe.“ Richert hat Musik geschrieben in der Pause, sich um Kind und Kegel gekümmert, „aber jetzt habe ich wieder Bock auf Bühne“. Jetzt sind Theaterferien.

Noch eine blöde Frage: Mit wem würdet ihr gerne mal auftreten? Miss Allie: „Ina Müller“. Die kommt auch vom Dorf, lebte auch in Lüneburg, powert mit Witz, Kodderschnauze und Pop. Miss Allie bei Inas Nacht? Passt. Und Philip Richert? „Tina Turner“. Er ist schon mit Theaterfreund Gregor Müller auf dem Vierwaldstättersee vor ihrem Grundstück herumgerudert. „Sie hat gewunken.“ Mehr geht nicht.

Das war’s mit dem Kennenlernen der Preisträger. Flat White Hafermilch und Cappuccino sind längst alle. „Lass uns mal connecten“, sagt Philip Richert. Und die CD, die kaufe er noch heute.

Von Hans-Martin Koch