Freitag , 25. September 2020
Martin Gross blättert in dem Schinken über das Jahr 1990, das viele Passagen aus seinem eigenen Werk enthält. Und damit fing die Suche nach ihm an. Foto: t&w

Doch nicht vergessen

Bienenbüttel. Manche macht Gärtnern glücklich, Martin Gross das Schreiben. Jeden Tag drei bis vier Stunden. „Schreiben bereitet mir Vergnügen, es ist mir quasi ein Bedürfnis“, erklärt der Germanist und Autor. Dazu hat er sich ein gemütliches Ambiente geschaffen: Von seinem Schreibtisch aus blickt er ins Grüne – ein gepflegter Bauerngarten mit Teich und dann in die Feldmark. Ein Arbeitsplatz, der den Alltag vergessen lässt. Seine Aufzeichnungen sind längst mehr als Tagebucheinträge. Damit hat er als Jugendlicher angefangen. „Dann habe ich den Stil verändert, eine Figur vorangestellt, eine Art Seelenverwandten, der etwas erlebt“, erinnert sich Gross. Das schaffe Abstand.

Seitdem hat der passionierte Schreiber mehrere Bücher verfasst, in denen er aktuelle Themen in historische Kontexte bettet. Dass er unbekannt blieb, damit hatte er sich eigentlich längst abgefunden. Knapp 30 Jahre ist die letzte Veröffentlichung her.

Das Buch ist da, aber wo ist der Autor?

Doch kürzlich erhält der Wahl-Bienenbütteler einen Anruf, der alles wieder hochkommen lässt. Als ob er die Rückspultaste gedrückt hätte. Es geht um „Das Letzte Jahr“, veröffentlicht 1992. Darin beschreibt Martin Gross das Leben in der DDR im Jahr 1990, dem letzten vor der Wiedervereinigung. Auf dieses Buch stoßen die Verleger Jan Wenzel und Anne König bei ihren Recherchen zu ihrem eigenen Projekt: „Das Jahr 1990 freilegen“. Sie würden gern Passagen von Martin Gross in ihrem chronologischen Sammelband einbauen, versuchen monatelang, ihn ausfindig zu machen, vergeblich. Ist er ins Ausland gezogen, lebt er überhaupt noch, niemand weiß es. Wenzel druckt die Texte dennoch, fügt ans Ende des 600 Seiten starken Mammutschinkens eine Art Suchaufruf und ein Dankeschön in Briefform an.

Beinahe hätte Martin Gross das Wenzel-Werk selbst entdeckt, denn es war für den Leipziger Buchpreis nominiert. „Ich schau mir eigentlich immer die Shortlist an. Allerdings war Wenzels Buch in der Kategorie Sachbuch gelistet, und ich interessiere mich mehr für die der Belletristik“, erinnert sich Gross.

Ein Zufall führte nun doch noch zu dem vermeintlich verschollenen Autor. Jemand kannte die Germanistik-Professorin Christine Garbe und wusste, dass sie mit einem Schriftsteller aus dem Schwarzwald verheiratet war. Und kombinierte das mit der Info, dass der Autor von „Das Letzte Jahr“ aus eben dieser Region stammt. Die Ex-Frau, die heute in Köln lehrt, bestätigte den Verdacht und stellte den Kontakt zu Martin Gross her. Und alsbald stand Tobias Lehmkuhl von der Süddeutschen Zeitung auf der Matte des verschollenen Autors – in Bienenbüttel, Ortsteil Varendorf. Nun bin ich es, die ihn mit Fragen löchert.

„Das war ein Gefühl wie bei einer Flaschenpost, die vor langer Zeit ins Wasser geworfen wurde, in der Hoffnung irgendwann mal Post zu bekommen,“ beschreibt Martin Gross diesen unerwarteten Glücksmoment. Gleichzeitig überkam ihn auch ein Schreck, denn er fragte sich, „was habe ich damals eigentlich geschrieben?“ Die Verwunderung darüber stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, weshalb er sogleich erklärte, dass sei wie bei einer Diplomarbeit, die man vor Jahrzehnten verfasst habe, aber von der man meist nur noch das Thema kenne. Ja, das stimmt irgendwie, oder?

Geburt des Sohnes sein größtes Glück

„Mein Leben nach dem Buch lief in eine ganze andere Richtung. Ich hielt es auch nicht für nötig oder sinnvoll, dem Verlag meine neue Adresse mitzuteilen“, erzählt er rückblickend. Die neue Richtung war bestimmt durch die Geburt seines Sohnes Samuel und die akademische Laufbahn seiner Frau, die einen Ruf an die Universität Lüneburg annahm. Und schließlich zum Sesshaftwerden in Varendorf. Er kümmerte sich mit Unterstützung von Eltern und Verwandten um Samuel. Später arbeitete er phasenweise als Germanistik-Dozent in Russland, vermittelte auf Anfrage in universitären EU-Projekten, woraus sich ein Standbein als Projektmanager entwickelte. Das führte ihn auch nach Indien. Er erlebte die Russlandkrise mit, die er als „viel dramatischer als den Umbruch in der DDR “ empfand. Und er schrieb auch stets mit, „weil ich jemanden neben mir haben musste, dem ich die Geschichte(n) zuschieben konnte.“

Nun schlummern noch zwei Romane in der Schublade. Der eine handelt von einem Wissenschaftler im 18. Jahrhundert, der das Glück hat, einen Südkontinent – wie ihn einst James Cook suchte – zu entdecken, aber das Pech, als zweitklassiger Experte mit einem Kollegen vor Ort zurückgelassen und vergessen zu werden. Bis Jahre später Walfänger vorbeikommen und ihm berichten, was sich in der Zwischenzeit alles getan hat in der Welt – von Revolutionen und Kriegen. Während er und sein Mitstreiter lernten, sich mit den Eskimos zu arrangieren. Kurz vom „Glück und Unglück gescheiterter Lebenspläne“, was irgendwie auch auf sein Leben zuträfe. Die intensive Phase seiner Vaterschaft fällt wohl unter die Rubrik Glück, denn die bezeichnet Gross als „die schönste Zeit meines Lebens“.

Flaschenpost-Effekt

Der zweite Roman heißt „Nadjas Geschichte“, spielt in Australien und erzählt von einer Frau in den besten Jahren, die aus einem Koma erwacht und ihre Identität wieder erlangen soll. Eine schwierige Aufgabe für ihren Freund, den sie erst kurz zuvor kennengelernt hat. Mithilfe von Fotoalben rekonstruiert er für sie ein Leben.

Doch zurück zum Heute. Das Ausfindigmachen von Martin Gross hat im Spector Verlag großen Jubel ausgelöst. Jan Wenzel und seine Frau Anne König haben sich ebenfalls auf den Weg in das Schreibparadies gemacht. Nach intensiven Gesprächen beschlossen sie, dass „Das Letzte Jahr“ zum 1. September in einer Neuauflage erscheinen soll, mit einem Vorwort des Autors. Der Flaschenpost-Effekt zeigt noch immer Wirkung, lässt Martin Gross aufgehellter durch die Welt gehen. „Die Wiederentdeckung hebt die Laune und ist eine nachträgliche Bestätigung dafür, dass ich damals Dinge beschrieben habe, die für bestimmte Leser auch heute noch interessant sind.“

Und wer weiß, vielleicht bekommen auch der Südkontinent-Entdecker und Nadja noch eine Chance in der Bücherwelt. Und mit ihnen der Autor Martin Gross.

Von Dietlinde Terjung