Samstag , 19. September 2020
Samy Deluxe heizt die Stimmung auf der Kultursommer-Bühne an. Foto: t&w

Wie ein Vulkan auf der Bühne

Lüneburg. Erstens singt er über Lüneburg und zweitens spricht er über Corona. Ungewöhnlich für einen Mann, der normalerweise größere Orte für seine Auftritte und alternative Plots kennt. Aber die Zeiten sind eben besonders und so performed Samy Deluxe nach monatelanger Zwangspause 75 kurzweilige Minuten auf den Sülzwiesen beim sommerlichen Kulturfestival. Das Konzert lockt fast die Hälfte aller Besucher aus Hamburg an und gilt als komplett ausverkauft. Von der Elbe zog es ihn einst in die Welt, heute lebt er überwiegend in New York und findet ein Publikum, das mittlerweise zwei Generationen umfasst.

Hip Hop war seine erste Leidenschaft, dann schwenkte er zum Rap und mixt seit einigen Jahren verschiedene Stile, nutzt gelegentlich als Background-Sänger prominente Kollegen aus völlig anderen Milieus wie Max Raabe oder Nena. In Lüneburg unterstützte ihn ein weibliches Duo und ein virtuos bedienter Studiotisch, der stets perfekte Klänge aus den Boxen navigierte. Seine Alben tragen oft bemerkenswerte Titel. 2012 publizierte er zum Beispiel unter dem Pseudonym Herr Sorge „Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“: Damit trifft er die aktuelle Gefühlslage der Republik beinahe auf den Punkt, denn die Pandemie begünstigt bekanntlich noch die verschrobensten Fake-Erkenntnisse.

Adrenalin beflügelnde Flows

Dennoch griff der Künstler primär auf seine jüngste Erscheinung zurück. „Hochkultur“ kam 2019 auf den Markt und legte den anspruchsvollen Boden für sein Sülzwiesen-Gastspiel aus. Sämtlichen Klischees des Raps zum Trotz protzt der 43-Jährige nie mit krachledernen Wortkanonaden aus dem Sanitärbereich. Seine Texte sind intelligent und streifen häufig politische Dimensionen. Hier agiert jemand, der sich einmischt und echte Botschaften statt plakativer Agitation parat hält. Das reflektiert sich auch in seinem umfangreichen zivilgesellschaftlichen Engagement.

Moderne Lyrik fließt dem Afrodeutschen scheinbar ungebremst kreativ aus der Feder, manchmal gar in Stand-Up-Manier. Verbale Fluten, die er geradezu artistisch und in atemberaubendem Tempo ins Mikrophon feuert. Adrenalin beflügelnde Flows, Beats und Drums gibt es zu hören, daneben ab und zu breiter ausströmende Ton-Teppiche, häufige Reprisen von kurzen Impulsen und eher selten leisere Begleitlinien. Elemente, die er zu einem spezifischen Sound verkoppelt, der sich als „Unsere Art von Unterhaltung“ darstellt, wie er einen seiner Songs betitelte.

Samy Deluxe präsentiert sich als vulkanisch aufgeladenes Energiebündel. Es lohnt sich, seinen Inhalten und Klängen aufmerksam zu lauschen, vieles ist darin zu entdecken und immer wieder platziert er autobiografische Bezüge, setzt sich mit Strickmütze, halblanger Hängehose und buntem T-Shirt als äußere Markenzeichen geschickt in Szene. Lichteffekte oder Nebelschwaden werden sparsam genutzt, er braucht eigentlich beides nicht für seinen Auftritt. „Ich bin privilegiert“, „Ich weiß das, was ich weiß“ oder „Guck mir zu wie ich gewinne“ verweisen auf die Intention, persönliche Themen einzubringen, rasant abgespulte Geschichten zu erzählen. Mit „Hochkultur“ nimmt der Sänger den Mund absolut nicht zu voll, denn seine Stücke ragen tatsächlich weit über das Durchschnittsniveau von Popmusik hinaus. Die Zuhörer gingen begeistert mit.

Von Heinz-Jürgen Rickert