Samstag , 24. Oktober 2020
Freut sich, endlich wieder vor Publikum auftreten zu können: Anna Depenbusch. (Foto: Steven Haberland)

Zeit für die Echtzeit

Lüneburg. Anna Depenbusch ist eine Hamburgerin durch und durch, es zieht die temperamentvolle Liedermacherin immer wieder zurück in die Elbmetropole, wie sie im Interview verrät. An einem Morgen um zehn plaudert sie in bester Laune aus ihrem Leben. Am Freitag, 21. August, um 20 Uhr, ist sie auf der Kultursommer-Bühne auf den Sülz­wiesen zu erleben, ihr zweites Open-Air-Konzert seit der Corona-Krise. Wer sie kennt, weiß, dass sie ihr Programm mit Kreativität und Hingabe gestaltet, und ihre Finger eloquent über die Klaviatur gleiten lässt, garniert mit guter Laune.

Wie haben Sie die Corona-Zeit verbracht? Haben Sie Neues für sich entdeckt?

Anna Depenbusch: Das war zunächst wie eine Schockstarre. Denn mein Album „Echtzeit“ war fertig, und meine große Deutschland-Tournee stand. Am 12. März habe ich noch in Fulda ein Konzert gegeben und am nächsten Tag ging es nach Hause. Ein typischer Freitag, der 13. Der wird uns allen im Gedächtnis bleiben. Ich habe zunächst gar nichts gemacht, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen kann, wie lange es dauert. Ein unbequemer Schwebezustand, lähmend, dazu finanzielle Sorgen. Ein Kontrastprogramm zur Tournee. Aber irgendwann arrangiert man sich mit der Situation.

Auf welche Weise entstehen Ihre Lieder?

Ich ziehe mich in mein schönes Musikzimmer zurück, dort steht ein alter Flügel. Es ist wie ein Gespräch, zu dem ich mich mit Frau Rachals – so nenne ich meinen Flügel – verabrede. Das bin gar nicht immer nur ich, die die Lieder schreibt, mein Flügel entwickelt selber auch Ideen.

Sie beklagten kürzlich eine Art Schreibblockade, was meinten Sie damit?

Ich sitze gern in Cafés, Parks oder nutze die Zeit beim Bahnfahren, um Texte für meinen Newsletter oder meine Kolumne zu schreiben. Diese Orte sind für mich eine Inspirationsquelle. Ich beobachte gerne Menschen und liebe die Perspektive, unterzutauchen in die Anonymität. Die Songs an sich aber entstehen am Klavier.

Nutzen Sie dafür ein Notebook?

Nein, ich schreibe auf Papier, in eine schöne Kladde zum Beispiel.

Ihr neues Album heißt „Echtzeit“, enthält viel Nachdenkliches, als ob Sie Corona geahnt hätten?

Der Begriff Echtzeit ist seit einiger Zeit in aller Munde. Daten werden in Echtzeit erhoben, Statistiken in Echtzeit erstellt, alles, um uns auf dem Laufenden zu halten. Ich hatte schon vor Corona, genau wie viele andere, den Eindruck, irgendwie müssen wir dieses Tempo reduzieren. Zurück zur Basis finden. Aber so, dass es nicht nach Spaßbremse klingt. Es geht doch um Mitmenschlichkeit, dem Schöpfen aus Emotionen und direkten Begegnungen.

Das gilt auch für mein Programm: Ich am Klavier, ganz nah dran am Publikum, Geschichten erzählen – das verbinde ich mit Echtzeit. Und vielleicht war es tatsächlich ein Vorbote auf Fragen wie „was brauch ich denn wirklich“, „was ist mir wichtig“, die für viele in der Lockdown-Phase hochkamen.

Der Titel „Echtzeit“ bezieht sich aber auch auf die Aufnahmetechnik, oder?

Ja, genau, das ist eine weitere Ebene. Zudem hat das Wort an sich auch etwas mit authentisch sein zu tun. Da kommt die Aufnahme in Echtzeit – mit dem Vinyl-Direktmitschnittverfahren – den Konzerten sehr nah.

In Frankreich hat das Chanson eine große Tradition. Wie sehen Sie die Lage in Deutschland? Ist es immer noch eine Nische?

Ich glaube, da hat sich etwas geändert. Ich habe das Gefühl, wir haben eine ganz vielfältige, deutschsprachige, bunte Musikszene. Die vermischt sich mit den Singer/Songwritern und den Liedermachern. Da ist inzwischen eine gewisse Selbstverständlichkeit angekommen. Es ist total spannend. Mit Chansons verbinde ich das Theatralische und Leidenschaftliche, aber ich singe natürlich auf Deutsch.

Das erste Open-Air-Konzert seit Corona haben Sie in einem langen grünen Kleid performt. Hatten Sie absichtlich diese Farbe der Hoffnung gewählt?

(Herzhaftes Lachen) Aber natürlich, denn genau die brauchen wir jetzt. Alles ist zurzeit grün, das neue Album, meine Website. Grün ist nicht nur die Farbe der Hoffnung, sondern auch der Natur.

Haben Sie momentan ein persönliches Lieblingslied?

Ja, „5 Meter“, ein Lied über eine Fernbeziehung, bei der man sich um fünf Meter verpasst, ein Dilemma aus Nähe und Distanz. Hätte ich zwei statt fünf Meter getextet, wäre es vielleicht der Corona-Song geworden, denkt man an die überall angebrachten Abstandshinweise.

Was erwartet das Publikum bei Ihrem Auftritt in Lüneburg?

Dass sie das Konzert-Gefühl genießen können. Spaß an den musikalischen Geschichten haben, die ich erzähle. Es soll ein richtiges Anna-Konzert werden, mit Lachen, Nachdenken, Mitsingen oder -summen (an Corona denken!) und mit Leichtigkeit. Ich möchte, dass die Leute, berührt, bewegt und beschwingt nach Hause gehen.

Tickets gibt es im LZ-ServiceCenter am Sand und im Internet unter www.lztickets.de

Von Dietlinde Terjung