Dienstag , 29. September 2020
Bärbel Hische stellt auf dem Kulturboden ihre großformatigen Werkstücke aus, darunter „Tool“ (gelb) und „Deep“. (Foto: t&w)

Recyceln für die Kunst

Scharnebeck. Ein Stoff, der uns täglich „begegnet“ ist Papier. Häufig dient es zur Verpackung, gefördert durch die Massen an Internet-Bestellungen. Die Vielfalt dieses Materials hat es der Künstlerin Bärbel Hische angetan. Schon im Studium habe sie lieber mit Papier als an der Staffelei gearbeitet. Was sie damit anstellt, ist ab dem heutigen Sonnabend auf dem Kulturboden in Scharnebeck zu sehen. Kurator Anton Bröring hat die Cloppenburgerin nicht das erste Mal nach Scharnebeck eingeladen. Er kennt die Künstlerin schon lange, schließlich stammt er selbst aus Cloppenburg.

Hinter dem schlichten Ausstellungstitel „Papier“ stecken aufwendige Arbeiten. Denn Bärbel Hische nutzt unterschiedlichste Papierarten, meist in gebrauchter Form. Denn auch die Wiederverwertung spielt eine große Rolle für die Künstlerin. „Ob Plakate, die sich von Werbeflächen lösen, Geschenkpapier, Packpapier, Seidenpapier, Abdeckungsmaterial – ich sammle alle möglichen Sorten. Alles kann zum Einsatz kommen“, erklärt die Künstlerin. Das sei ihre Art des Recyclings.

Die Papierstücke – zwischen DIN A4 und XXL groß – werden verleimt. Schicht für Schicht. Manchmal gibt eine Gaze als Untergrund den entsprechenden Halt. Durch die Verleimung verändert sich das Material, es entstehen Strukturen. Dann kommt Farbe ins Spiel. Auch hat sie keine Vorlieben, verwendet alles Mögliche von Acryl über Industriefarben, Abtönfarben bis hin zu Lacken. Das Betupfen mit Farbe führt zu neuen Strukturen. Im Nasszustand sieht vieles anders aus. Weitere Papierlagen folgen. Ein spannender Prozess, der viel Geduld erfordere. Denn erst wenn es getrocknet ist, zeige sich das Ergebnis. Das dauere zwischen zwei und drei Wochen, immer wieder.

Papier fasziniere sie auch, weil man es anfassen, ziehen, dehnen und reißen kann. „Es ist nicht so starr wie eine Leinwand.“ Es lebe quasi, bewege sich, je nachdem welche Temperatur herrsche. Die Titel ihrer Werkstücke haben englische Namen, etwa „Deep“, eine Art blaues Wunder, das den Betrachter am vorderen Rand nasszuspritzen scheint, beziehungsweise im Fond in die Tiefe zieht. Vor 25 Jahren entstand ihr Erstling „Waterfall“, auch der ist auf dem Kulturboden zu finden. Schmal und lang fließt er von der Wand.

Der Werkstoff Papier hat sich in der bildenden Kunst schon lange etabliert. Ein Beispiel für die große Bandbreite dieses Material ist im Schloss Ludwigslust zu entdecken, wie Bärbel Hische schwärmt. Dort ist ein Großteil der Inneneinrichtung – von Säulen bis hin zu Büsten – aus Pappmaché gefertigt, künstlerisch so gestaltet, dass es äußerlich kaum von dem damals, im 18. Jahrhundert, angesagten teuren Marmor zu unterscheiden ist. Dieser kostengünstige Raumschmuck aus der Ludwigsluster Carton Fabrique wurde europaweit bekannt.

Bärbel Hisches individuelle Art der Papierkunst hat es schon in etliche Ausstellungen geschafft. Zur Vernissage heute von 14 bis 18 Uhr werden die Künstlerin und auch Kurator Anton Bröring vor Ort sein. Auf eine Eröffnungsrede werde verzichtet, Corona „zuliebe“. Als Ersatz werden Infoblätter ausgelegt, eine Einführung in schriftlicher Form sozusagen.

Von Dietlinde Terjung