Freitag , 18. September 2020
Kinan Al ist Teil von „Stand-up 44“, der Berliner Comedy-Gruppe um Felix Lobrecht, die quer durch Deutschland tourt. Foto: phs

Urkomisch und bitterböse

Lüneburg. „Wir ziehen das jetzt gemeinsam durch, oder?“, sagt Felix Lobrecht, als er pünktlich um 20 Uhr auf die Bühne tritt und in die Gesichter Hunderter verregneter Gestalten blickt. Gerade schien noch die Sonne, doch als die Show beginnt, fängt es so stark zu regnen und zu stürmen an, dass die Stimmung beinahe zu kippen droht. Doch Lobrecht wäre nicht Deutschlands derzeit angesagtester Comedian, wenn er nicht auch in dieser Situation charmant improvisieren könnte: Ein paar Witze darüber, dass das Publikum mit seinen flatternden Plastik-Regenponchos wie der Inhalt seines Mülleimers oder, noch passender, wie die Mitglieder des Ku-Klux-Klans aussehe – schon hat er das Publikum auf seiner Seite.

Nach Samy Deluxe erneut ausverkauft

Gemeinsam mit Kawus Kalantar, Daniel Wolfson und Kinan Al war der Berliner Comedian Samstagabend zu Gast auf den Sülz-wiesen – nach Samy Deluxe war es die zweite vollständig ausverkaufte Veranstaltung des Kultursommers. Das überwiegend junge Publikum war teilweise weit angereist – ganz aus Mainz und sogar aus München kamen vereinzelte Zuschauer.

Der Name Lobrecht scheint zu ziehen: Es ist keine Seltenheit, dass Shows des 31-Jährigen innerhalb weniger Minuten ausverkauft sind. Seit 2015 tritt Lobrecht als Stand-up-Comedian auf, seinen Star-Status brachte ihm aber auch sein Podcast „Gemischtes Hack“ ein, den er 2017 gemeinsam mit Comedy-Autor Tommi Schmitt startete und der mittlerweile zu den meistgehörtesten Deutschlands zählt.

Am Sonnabend teilte er sich die Bühne mit den „drei besten Berliner Newcomern“, wie Lobrecht sagt. Seit Anfang des Jahres bilden die vier die Gruppe „Stand-up 44“, auf ihrem gleichnamigen YouTube-Kanal laden sie regelmäßig kurze Videos von Live-Auftritten hoch.

Mit der „Draußen-Tour“ haben sie jetzt in kürzester Zeit ein Programm auf die Beine gestellt: Inspiration sind, wie beim Stand-up üblich, die Absurditäten des Alltags: Wie bei Kinan, der nach einer Magen-OP bereits 30 Kilo abgenommen hatte und nun aber immer noch nicht in seine Traum-Jacke von Jack Wolfskin, für ihn „der deutsche Pass zum Anziehen“, passt. Oder Daniel, der als Sohn russischer Einwanderer von seinem ersten Besuch bei einem deutschen Schulfreund erzählt, bei dem er enttäuschend feststellen musste, dass Abendbrot, wirklich nichts anderes ist als Brot am Abend. Und auch bei Kawus, der seit Neuestem auf der Straße erkannt wird und sich seitdem die Frage stellt, wie er darauf cool, nicht zu euphorisch, aber auch nicht arrogant reagieren kann.

Noch mit Freunden auf einen Döner verabredet

Lobrechts Humor ist dagegen pechschwarz: Als er einen todkranken Fan im Krankenhaus besucht hat, dessen letzter Wunsch es war, ihn einmal treffen zu dürfen, kamen ihm bitterböse Gedanken. Könne man da einfach mit seinem neuen Mercedes hinfahren, oder sollte man sich ein weniger teures Auto leihen, um nicht abgehoben zu wirken? Wie mache ich ihm klar, dass sein Beatmungsgerät einfach viel zu laut ist? Und wie sage ich ihm, dass ich jetzt eigentlich losmüsste, weil ich noch mit Freunden auf einen Döner verabredet bin?

„Ihr dürft lachen und braucht kein schlechtes Gewissen zu haben“, sagt Lobrecht. Seinem Fan habe er den Text vorher gezeigt, er sei begeistert gewesen. Tatsächlich hätte Lobrecht seinen verstorbenen Fan nicht besser würdigen können. Worüber andere Songs schreiben, macht er Witze. Vielleicht die beste Art, Schweres zu verarbeiten.

Von Anna Hoffmann