Mittwoch , 30. September 2020
Bodo Wartke gestaltete das vorletzte Konzert des Sülzwiesen-Sommers, am Sonnabend tritt die U2-Coverband „Achtung, Baby“ auf. Foto: t&w

Saunah in der Sauna

Lüneburg. Bodo Wartke hat einen neuen Chef. Er fordert 24 Stunden Einsatz, er schreit und trotzt, er hört nicht zu, hängt an der Flasche und will bedingungslos geliebt werden. Bodo Wartke ist 2016 Vater geworden. Nie war der Klavierkabarettist so persönlich wie heute. Aber es sind ja zwei Männer, sagt er, die zur Zeit sein Leben bestimmen. Der andere schreit auch, hört auch nicht zu, ist ebenso unbeherrscht – er heißt Trump. Nie war Bodo Wartke so politisch wie heute. Beides prägt sein Konzert beim Lüneburger Kultursommer, vor 500 rundherum begeisterten Besuchern.

Überlegungen für das Jahr 2021

Die Open-Air-Zeit auf den Sülz­wiesen neigt sich dem Ende zu. Am Sonnabend spielt noch die U2-Coverband „Achtung, Baby“. Dann wird abgebaut und geprüft: Kann es 2021 eine Fortsetzung geben, kürzer, kompakter, bassbefreiter? Auch wenn dieser Corona-Kultursommer sich wirtschaftlich nicht rechnet, die Veranstalter hätten grundsätzlich Lust am Projekt, sagt Paul Reichwaldt, Vorsitzender von Campus Lüneburg e.V. Die Stadt zeigt sich offen: „Wenn der Rahmen stimmt, sprechen wir gern darüber“, sagt Stadtsprecherin Suzanne Moenck. Belange von Anwohnern bis zum Naturschutz seien bei allen Plänen natürlich zu berücksichtigen.

Künstler wie Bodo Wartke passen ideal zum Konzept. Der 43-jährige Hamburger mit Wohnsitz Berlin braucht nur einen Flügel und mal etwas Percussion für seine Lieder und für seine Zwei- bis Vierzeiler. Er kann kleines und großes Publikum gleichermaßen für sich einnehmen. „Wandelmut“ heißt sein aktuelles Programm. Wandel gibt es viel in dieser Zeit, Mut braucht es, um mit allen Wirrnissen umzugehen. Wie Zweifel Gift in die Seele träufelt, wie Zuversicht dagegenhält, beschreibt er in einem seiner besten Lieder des Abends.

Wartke ist ein Meister des verspielten Reims und der Wortwitze. Die können simpel sein und davon handeln, dass man sich in der Sauna saunah kommt. Mit Charme und Tempo biegt Wartke noch die skurrilsten und krummsten Reime elegant in seinen melodischen Strom. Das Schräge liegt dem Mann: Er beflügelt ein Lob der Insekten und vertont Beethovens „Für Elise“. Kurz darauf erfindet er den Gangsta-Schlager und transponiert Helene Fischers „Atemlos“ in die „Ey Digga“-Gangsterrap-Welt. Großartig!

Von Nationalistenund Islamisten

Die „Gangsterrapisten“ hat er nochmal am Wickel in einem Lied, in der ihre Gemeinsamkeiten mit Nationalisten, Islamisten und christlichen Fundamentalisten attackiert – Intoleranz, Frauenfeindlichkeit und vieles mehr. Kurz ist von dort der Weg zum extremen Donald Trump, ihn knüpft sich Wartke mehrfach vor. Gern in Gleichsetzung mit seinem Kleinkind: „Pusten, Aua weg“. Beim Sohn funktioniert es ja auch.

Poetisch wird Wartke bei Liedern zur Liebe und ernst, wenn er zum Klimawandel singt. Oder in „Das Land, in dem ich leben will“ den Wert eines Lebens in Freiheit preist. Das Politische gerät ihm manchmal ziemlich plakativ, aber es ist ja wahr: „Idioten sind nicht immer Rassisten, umgedreht immer“.

Wartke-Hits, allen voran „Ja, Schatz“, werden in ein Medley verpackt, und am Ende verfrachtet er noch Michael Jacksons „Bad“ ins Bett. Gut geklaut und schön gekalauert. Das Publikum feiert den Wartke. Den so ziemlich längsten Applaus aber gibt es, als der Kabarettist denen dankt, die auf den Sülzwiesen Kultur im Corona-Sommer möglich machen. Bodo Wartke wäre ein guter Kandidat für 2021.

Von Hans-Martin Koch