Samstag , 24. Oktober 2020
Stefanie Schwab spielt die „Jungfrau von Orleans“. Foto: t&w

Eine Herausforderung

Lüneburg. Wer ist diese Frau? Was reißt sie aus ihrer Welt? Was treibt sie an? Was macht sie zur Tod säenden Furie? Was stürzt sie in solche Zweifel? Den einen ist diese Johanna eine Heilige des Himmels, den anderen eine Zauberin der Hölle. Friedrich Schiller hat der „Jungfrau von Orleans“ eine wortgewaltige Schlachteplatte auf Leib und Seele geschrieben. Für das Theater Lüneburg hat Jakob Arnold das klirrende Geschehen zum Solo eingedampft. Johanna allein, das ganze Drama in 45 Minuten. Kann das gut gehen? Durchaus – und Stefanie Schwab ist die konzentrierende Kraft auf der Bühne.

Das Theater ist wieder da. Es gibt eine große Sehnsucht danach und Beifall, als das Licht abdimmt. Der Saal ist coronös voll, das heißt ziemlich leer. Farben regeln den Einlass: rote Eintrittskarte fürs Mittigsitzen zuerst, grüne Karte für die Randplätze zuletzt. Das klappt gut.

Gleich vier Premieren laufen an den ersten drei Tagen. Der „Struwwelpeter“ steigt vom T.NT-Foyer als XXL-Variante mit mehr Effekt auf ins große Haus. Eine szenische Lesung im Foyer als neuer Spielstätte, und „Kunst-verrückt Tanz“ im T.3. Zuerst aber die größte Herausforderung: das Schiller-Substrat.

Es fordert volle Konzentration

Jakob Arnold hat aus dem Fünfakter eine Fassung collagiert. Johanna spricht zu den ihr zugeschriebenen Versen auch Texte von Dunois, Thibaut, Bertrand und wie die Grafen, Kriegsrecken und Köhler so heißen in der Tragödie. Wortfluten barocker Wucht stürzen über das Publikum herein. Aber Arnold/Schwab mildern das schillernde Pathos, der Abend schäumt nicht über, er drängt ins Hier und Heute, kurz und bündig.

Ein Klotz von Mauer steht in der Mitte der Bühne, Lichtwechsel gliedern szenische Brüche. Das Bühnenbild von Christian Blechschmidt ist nüchtern, reduziert und darum passend. Stefanie Schwab spielt die Johanna als junge Frau von heute. Sie trägt ein Top mit der Mutter Gottes drauf, ein modisches Statement. Und doch ist sie diese sanftmütige Hirtin Johanna, die aus dem Idyll gerissen wird. Die nun um Himmels willen mit Schwert und Fahne das untergehende Frankreich rettet. Reihenweise mäht Johanna die Engländer vom Schlachtfeld. Scheitern wird sie, als sie ein menschlicher Moment durchfährt, die Liebe. Sie kann es sich nicht verzeihen.

Es ist nicht leicht, dem Stück zu folgen. Es fordert volle Konzentration. Alles ist ja auf Johanna allein abgestellt. Jakob Arnold legt diese enigmatische Figur offen an: Er vergöttert die Johanna nicht, er stellt sie in ihren Facetten vor, er verurteilt nicht, er stellt eher Fragen.

Pausen steigern Intensität

Stefanie Schwab ist die Antwort. Sie beherrscht sehr fokussiert den Raum, den Text, den Saal. Sie nimmt gefangen. Ihre Johanna spricht von der Rampe das Publikum an, dann wieder mit Rücken zum Saal wie zu sich selbst oder in eine ewige Leere. Schwab spielt die Johanna und zeigt sie zugleich wie aus Distanz. Manchmal verstummt Stefanie Schwab, Pausen steigern Intensität.

Der Abend hat keine klare Stoßrichtung. Er bietet viel an. Das Programmheft verweist auf junge Frauen, die heute für große Bewegungen, unermesslichen Einsatz stehen und einen persönlichen Preis dafür zahlen: Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Carola Rackete. Das ist dann schon sehr konkret. Die Produktion bleibt abstrakter: Es geht um Freiheit, um das radikal kompromisslose Vertreten einer Position, um Gewalt gegen Gewalt, um den schmalen Grat zwischen Verehrung, Verrat und Verdammnis.

Johanna wird zum Opfer ihrer Mission. Stefanie Schwab verkörpert das eindringlich. Sie wird sich gegen die Wand werfen, auf sie eintrommeln, Beutel blutroter Farbe schleudern – und abprallen. Johanna, so will es Schiller, muss zu ihrer Überhöhung wie in einer romantischen Oper sterben. Auch in dieser letzten Szene: keine große Oper, kein Pathosfett. Stefanie Schwab bekommt für ihr eindringliches, bewundernswert gemeistertes Solo langen, langen verdienten Applaus, das gesamte Team ebenso.

Das Theater startet nach allzu langer Pause mit einer Herausforderung. Nicht bequem, aber mutig und sehenswert. 45 Minuten Kompakttheater, da bleibt anschließend viel Zeit, um darüber zu diskutieren. Nächste Vorstellungen: 12. September, 20.15 Uhr; 13. September, 19.15 Uhr. Auf der Homepage des Theaters findet sich eine sehr zu empfehlenden Einführung von Dramaturgin Hilke Bultmann.

Von Hans-Martin Koch