Sonntag , 25. Oktober 2020
70 turbulente Minuten erlebten die Zuschauer bei der Premiere von Ödipus. Den König spielt Marcel Röhling (Mitte). Foto:t&w

Spiel mir das Lied von Ödipus

Lüneburg. Ödipus lässt der Welt keine Ruhe. Der Theaterkomplex um den Vatermörder und Mutterheirater kam dank Sophokles vor so etwa rund 2600 Jahren zur Welt. Seither beherrscht er Bühnen und landete so etwa vor 100 Jahren auf der Freudschen Couch. Von Hans Sachs über Hölderlin bis Heiner Müller reicht die Reihe der Theater-Bearbeitungen, bei Bodo Wartke findet der Fall den Dreh zum Witz. Das ist jetzt im theater im e.novum zu erleben und wird mal absurd, mal albern und mit Spaß an der Sache aufgeführt.

„Es wird nicht gejammert, es wird gespielt“, sagt Theaterchefin Margit Weihe zur Begrüßung. Sie hat mit dem Ensemble 1 der Erwachsenen die erste Premiere seit dem Frühjahr einstudiert. Zum Neustart tischt sie leichte Kost auf. Kabarettist Bodo Wartke, gerade noch live auf den Sülz­wiesen, verwandelte die antike Tragödie mit Sven Schütze und Carmen Kalisch in einen lustvoll gereimten Text, der die Vorlage nicht komplett verrät, aber kräftig durch den Kakao zieht.

Das Wartke-Trio greift Originaltext auf und schraubt berühmte Zitate von Goethe, Shakespeare und Schiller ins Geschehen. Die Autoren lassen ihren Titelhelden auch mal in „Ey Digga“-Deutsch fallen: „Mama? Papa? Samma! Ist ja wohl der Hamma!“ Ödipus ist eben auch nur ein junger Kerl, so sehr von anno dunnemals wie von heute.

Treppe fürs Bühnenbild mit mobilen Sitzkästen entworfen

Bodo Wartke bringt seinen „Ödipus“ als Solo, im e.novum sind die Rollen aufgeteilt. Es braucht nicht viel für dieses Abstandsspiel. Margit Weihe choreografiert die sechs Akteure auf der kleinen Bühne so, dass sie nur verbal aneinandergeraten. Fürs Bühnenbild entwarf Nicole Bettinger eine Drei-Stufen-Treppe mit mobilen Sitzkästen drumrum. Von dort treten die Spieler ins Zentrum, die Methode wird durchgehalten und keinen Moment langweilig. Dazu flutscht der Text zu gut und spielen sie auch so.

Damit das Publikum – knapp 40 statt 120 lässt Corona rein – alles versteht, tritt eine Moderatorin mit auf, das ist Corinna Langhammer. Sie führt augenzwinkernd durch die 70 turbulenten Minuten, hält auch ein Reclam-Bändchen hoch, wenn gerade Sophokles pur gesprochen wird. Langhammer ist die einzige, die bei allen Vorstellungen auftritt, alle anderen Rollen sind doppelt besetzt.

Margit Weihe tariert den Humor so aus, dass der Abend nie ins Platte wegrutscht, immer steht die Ironie im Vordergrund, und auch die Tragödie dahinter bekommt ihren Raum. Das Team setzt Stoff und Konzept treffend um, zum großen Gefallen des Publikums. Ödipus bekommt von Marcel Röhling die Züge eines so forschen wie naiven Typs. Lena Schwarznecker spielt so präsent wie zurückhaltend die passiv agierende Ödipus-Mutter und -Ehefrau Iokaste.

Alle anderen, die mehrere Rollen ausführen, bekommen von Kostümbildnerin Branka Zelenovic ein paar Accessoires, die ihren Typus unterstreichen. Am deutlichsten beim Orakel, gespielt von Lena Milnikel: Sie wird zur abgedrehten Hippiefrau mit einer mächtigen Tüte Kiff in der Hand.

Rieckhoff bekommt Lacher als blinder Seher Teiresias

Die meisten Lacher bekommt Carsten Rieckhoff für seine trocken und lakonisch ausgereizten Szenen als blinder Seher Teiresias und als Hirte. König Laios, das erste Opfer, spielt er auch. Pawel Bryzgalski (Kreon, Hirte, Betrunkener) steht dem Kollegen in Humor und Präsenz nicht nach.

Aufgepeppt wird das Stück mit Musik, es gibt einen Rap (von Levin Schnabel), und sehr passend zum Gesterbe streut die Moderatorin Ennio Morricones Thema zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ ein. Eingebaut und eingereimt ist auch eine kurze Corona-Sitzenbleiben-Pause: Türen auf, Luft rein. Mehrfach gibt es Szenenapplaus und am Ende sehr, sehr viel Zustimmung.

Bei den kommenden Aufführungen spielen alternierend auch Carl Maria Hartmann, Zorana Dammert, Ulrike Schulze, Ingrid Klöppels und Anna Butschke. Termine: 18., 19., 24. und 26. September, 2., 3. und 9. Oktober; an manchen Tagen finden zwei Vorstellungen statt.

Von Hans-Martin Koch