Samstag , 31. Oktober 2020
Willner zeigt Willner – rund 1500 Selbstporträts sind am Arbeitsplatz entstanden. Foto: Willner

Der Reiz der Serie

Lüneburg. Der Mann schaut genervt. Klick. Der Mann denkt nach, einen Kuli zwischen den Lippen. Klick. Er dehnt sich, Hände hinterm Kopf. Klick. Er telefoniert. Klick. Sein Blick ist konzentriert, fokussiert. Klick. So geht es immer weiter. Der Mann heißt Henning Willner. Er ist Sparkassenbetriebswirt. Er hat seinem Arbeitsplatz gegenüber eine Kamera platziert. Dreimal täglich löst sie für jeweils drei Bilder aus. „Ein ganzes Jahr“ heißt die Ausstellung, bei der Henning Willner bis 4. Oktober im Artrium der Kulturbäckerei Henning Willner zeigt.

Neben seinem Beruf ist der 55-Jährige ein leidenschaftlicher Fotograf. Drei Jahre lang hat er in Wochenendseminaren die Ostkreuzschule in Berlin-Weißensee besucht, eine Top-Adresse für Fotografie. Mittlerweile zählt er zur Meisterklasse von Ludwig Rauch, einem Meister des Porträts.

Mehr als 1500 Fotos

Ein Arbeitsjahr am Computer, weit mehr als 1500 Fotos. „Dann kann man sich nicht mehr sehen“, sagt Willner. Für die KulturBäckerei hat er pro Tag ein Motiv ausgewählt, alle im Format 13 x 18 Zentimeter. Das einzelne Bild mag nicht so viel mitteilen, aber als Serie gewinnt das „ganze Jahr“ einen eigentümlichen Reiz. Immer die gleiche Perspektive, immer das gleiche Motiv, nie das gleiche Bild: Henning Willner sitzt vor dem Rechner, den zeigt das Foto aber nicht. Der wiederkehrende starre Geradeaus-Blick verrät die Situation.

Manchmal zeigt das Bild Bewegungsunschärfe, und mal ist der Mann auch nicht am Platz. Dann sitzt er wieder da, strubbelig das Haar. Klick. Er lehnt sich entspannt zurück. Klick – klick – klick. Die Serie weist über die Person Willner hinaus und zeigt einen Menschen und wie sich Arbeit auf ihn auswirkt. Es sind Momentaufnahmen, es gibt keine Erzählung, und doch teilt sich eine Menge mit.

Turnen, Tanz, Trampolin und Akrobatik

Henning Willner arbeitet oft in Serien. Er zeigt in der KulturBäckerei eine zweite: „Air Gym“, aufgenommen beim SV Scharnebeck. Air Gym, das ist ein Mix aus Turnen, Tanz, Trampolin und Akrobatik. Willner interessiert das Thema, aber ebenso das Finden einer Bildkomposition, die den Blick lenkt. Wo ist Bewegung, wo Stillstand, wo ist ein Mensch platziert etc.

Willners Serien bewegen sich zwischen Dokumentation und Kunst, wohin das Pendel schlägt, entscheidet der Betrachter. Seine Selbstporträts hat Henning Willner bereits im Berliner Kunsthaus Bethanien gezeigt, eine weitere namens Mofa-AG zeigt er ab Oktober in Berlin.

Von Hans-Martin Koch