Dienstag , 27. Oktober 2020
Tülin Pektas in der Titelrolle. Foto: t&w

Jeder Satz ein Schwerthieb

Lüneburg. Hettore Gonzaga ist reich, mächtig und gelangweilt. Wenn der amtierende Prinz von Guastalla etwas haben möchte, dann nimmt er es sich einfach, schöne Frauen zum Beispiel. Jetzt ist ihm die junge und schöne Emilia aufgefallen, immerhin scheint sie auch nicht abgeneigt. Also wird sie kurzerhand entführt – gekidnapped aus ihrer Kutsche auf dem Weg zur Hochzeit, und in Gonzagas Lustschloss gesperrt. Doch die Sache läuft schief.

Vor allem einen guten Thriller erzählen

Am Freitag, feiert Lessings „Emilia Galotti“ mit Tülin Pektas in der Titelrolle Premiere im Theater Lüneburg. Es ist der zweite Anlauf, denn bereits im Frühjahr stand das Trauerspiel bereits kurz vor der Bühnenreife, dann kam der Lockdown. Geplant war eine klaustrophobe Laborsituation, ein Druckkessel, in dem die acht Akteure ständig in hitziger Enge beieinander stehen, um das Geschehen zu seinem dramatischen Finale zu treiben. Unter Coronabedingungen ist das natürlich nicht möglich. Also wurde das Geschehen auf der Bühne entzerrt, an der Schärfe des Stückes hat das nichts geändert.

„Lessing seziert die Gesellschaft“, sagt Jakob Arnold, „bei ihm ist in den Dialogen jeder Satz ein Schwert.“ Der Regisseur, der gerade „Die Jungfrau von Orleans“ auf die Bühne brachte, will „vor allem einen guten Thriller“ erzählen, aber natürlich mit den Anliegen Lessings: Es geht um totalitäre Macht, die Formatierung der Gesellschaft, die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen. Und auch, wenn Emilia Galotti letztlich keine Chance hat, so ist sie doch nicht einfach nur Opfer.

Emilia gerät zwischen die Fronten: Sie gehört selbst einer durchaus angesehenen Familie an, die ranghohe Militärs hervorgebracht hat, inzwischen hauptsächlich für Anstand und Tugend kämpft. Ihre geplante Hochzeit mit dem Grafen Appiani war eher eine Sache der Familienregie. Den Galottis steht der eitle Prinz Hettore Gonzaga mit seinem Clan gegenüber, mit seinem Hofstaat, voran sein umtriebiger Kammerherr – heute würde man sagen: Spin Doctor – Marinelli, der Mann fürs Grobe, auch zuständig für die Entführung. Natürlich will Vater Galotti seine Tochter zurück, um jeden Preis, es geht ja schließlich um den Ruf der Familie. Und dann ist da noch Gräfin Orsina, die abgelegte Mätresse des Prinzen. Sie schäumt vor Wut, und hat auch noch eine Waffe in der Hand.

Wiedersehen mit Tülin Pektas

Das Drama bringt also ein Wiedersehen mit Tülin Pektas. Sie war von 2016/17 bis einschließlich der vergangenen Saison festes Ensemblemitglied am Theater Lüneburg, unter anderem zu sehen in „Der Vorname“, „Ich bin wie ihr“, „Glaube, Liebe Hoffnung“ und „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“. Nun kehrt sie als Gast zurück auf die Bühne des Großen Hauses.

Tülin Pektas wurde in Nicosia / Zypern geboren. Sie studierte zunächst freie Kunst, bevor sie 2010 ihre Schauspielausbildung als Elevin am Schauspielhaus Salzburg absolvierte. Dort wirkte sie bei diversen Produktionen mit, ehe sie in der Spielzeit 2013/14 festes Mitglied des Theater des Kindes in Linz wurde. Anschließend gehörte sie von 2014 bis 2016 zum festen Schauspielensemble der Badischen Landesbühne in Bruchsal an.

Neben ihr spielen nun: Matthias Herrmann (Odoardo Galotti), Ulrike Knospe (Claudia Galotti), Niklas Schmidt (Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla), Philip Richert (Marinelli, Kammerherr des Prinzen), Yves Dudziak (Conti, Maler), Jan-Philip Walter Heinzel (Graf Appiani) und Beate Weidenhammer (Gräfin Orsina). Bühnen- und Kostümbild: Christian Blechschmidt.

Für die beiden Vorstellungen am Premierentag, um 18 und 20.15 Uhr, gibt es noch Restkarten.

Von Frank Füllgrabe