Sonntag , 25. Oktober 2020
Niklas Schmidt spielt den Prinzen, Tülin Pektas die Titelrolle der Emilia. Foto: t&w

Macht, Lüge und Moral

Lüneburg. Die Bühne sagt alles. Die goldene Wand im Schloss hat ihre glänzendsten Tage hinter sich. Zeitenwende: Noch herrscht der Adel nach Wollust und Belieben, noch bedient er sich seiner Schergen und Schranzen. Doch die mucken schon auf, und zugleich pocht eine keimende, stolze Welt der Bürger auf ihre Rechte. In die Zeit der Aufklärung hinein schrieb Gotthold Ephraim Lessing sein bürgerliches Trauerspiel um „Emilia Galotti“. Zu einer Art Ego-Thriller formt Jakob Arnold das Stück jetzt am Theater Lüneburg. Das ist schlüssig und spannend bis zum schwierigen Ende.

Jeder Regisseur hat die Pflicht, ein klassisches Stück nach seiner Relevanz für die Gegenwart zu befragen. Da fällt manches durch. „Emilia Galotti“ nicht: Machtmissbrauch, Willkür und das Unterdrücken von Freiheit sind allezeit allgegenwärtig. Schwer vermittelbar aber ist heute der bei Lessing vorgeführte Begriff einer fundamentalistischen, pedantischen Tugend, mit der sich das aufkommende Bürgertum gegen den Sittenverfall bei Hofe moralisch putzt. Emilias Vater Odoardo verkörpert diesen Typ. Der Schluss in diesem Trauerspiel, wenn Odoardo impulsiv, aber doch von rigoroser Moral getrieben die aus seiner Sicht entehrte Tochter tötet, der ist schwierig zu vermitteln.

Jakob Arnold schiebt seine von Christian Blechschmidt ausgestattete Inszenierung komplett ins Hier und Heute. Dabei wertet der Regisseur besonders die Frauenrollen auf. Alle in Arnolds komprimierter 75-Minuten-Fassung treten selbstbewusst auf, alle Hierarchien bröckeln. Arnold legt die Figuren recht plakativ an, gibt aber jeder und jedem soviel Charakterzüge mit auf den Weg, dass es eigentlich keine Haupt- und Nebenfiguren gibt. Bis auf den Maler Conti, der nur zu Beginn mitmischt, doch auch er bekommt von Yves Dudziak Züge eines Künstlers, der sich aus Abhängigkeit zu lösen beginnt.

Das ganze Drama löst der junge Prinz aus, hier ist er ein Frauenverschleißer, ein lässiger Sneakers-Typ, ein Star voller Allüren. Niklas Schmidt spielt ihn als fahrigen, oberflächlichen, leicht verführbaren Verführer. Der Prinz schiebt sich in Aristokraten-Autokraten-Manier die Wahrheit so zurecht, dass es immer seine ist. Jetzt also ist er verliebt in diese Bürgerstochter Emilia Galotti, aber Liebe ist bei ihm bloßes Begehren. Er muss Emilia haben, und dafür ist dem skrupellosen Prinzen jede Schurkentat recht.

Messerscharfe Dialoge und verschlagener Einflüsterer

Wunderbar sind die messerscharfen Dialoge mit seinem Mann fürs Grobe. Philip Richert führt den Intriganten Marinello als verschlagenen Einflüsterer des Typs Steve Bannon vor. Das hat Witz. Zugleich kann Richerts Marinello bis in die Gestik seinen Mephisto-Charakter kaum verbergen.

Gestrichen ist zwar die Szene, in der Marinello seine Gehilfen einnordet, um die Kutsche zu überfallen, mit der Emilia zu ihrer Hochzeit mit Graf Appiani fährt. Aber die Meucheltat wird deutlich. Der Graf, der dabei getötet wird, hat zuvor nur einen kurzen Auftritt: Jan-Philip Walter Heinzel zeigt ihn als täppischen, verklemmten und unbeholfenen Mann. Kein Wunder, dass Emilias Begeisterung über ihre Verheiratung überschaubar ist.

In der Titelrolle: Tülin Pektas. Sie macht deutlich, wie Emilia feststeckt zwischen Kind und Frau, zwischen frommer, fügsamer Tochter und freiem Willen. Sie lässt sich vom Prinzen gern ein wenig anbaggern, die Mimik verrät es. Spürbar will sie raus aus der Enge des Elternhauses, aber der Vater kann das nicht zulassen. Matthias Herrmann verkörpert in Haltung, Sprache, Gestik einen Mann, der bis zum Jähzorn an seinem statischen Weltbild festhält.

Da ist Emilias Mutter weiter. Doch wie sie zwar Situationen erfasst, aber nicht aus dem Schatten ihres puritanischen Mannes herauskommt, das wird bei Ulrike Knospe sehr deutlich. Ganz das Gegenteil, nämlich als fordernde Frau, gekleidet in Business-Schwarz, nimmt Beate Weidenhammer als Gräfin Orsina die Bühne ein. Zu sehen ist eine temperament- und lustvoll ausgespielte Figur. Die Gräfin hofft auf den Prinzen, der ledert sie ab. Nur kurz lässt Weidenhammers Gräfin den Schmerz der Zurückweisung spüren. Sie kennt sich aus mit Intrigen, ist gewappnet bzw. bewaffnet, doch die Pistole überlässt sie Odoardo. Auf dass der Schuss falle zum schwierigen Schluss.

Der Rest ist Beifall, Beifall, Beifall. „Emilia Galotti“ steht wieder am 3. Oktober auf dem Plan, um 18 und um 20.15 Uhr.

Von Hans-Martin Koch