Mittwoch , 28. Oktober 2020
Ildiko von Kürthy (rechts) und Nina Petry. Foto: t&w

Nicht jeder Verlust wird weggelacht

Lüneburg. Komik, Poesie und Verlust – Ildikó von Kürthy und Nina Petry treffen den Nerv ihrer Generation Lüneburg. Alles im Haus wartet auf Mutter, die Dickmilch im Kühlschrank, die Lieblings-LP mit dem Sprung und der geschmacklose Morgenmantel, an dem noch ein Rest ihres Lieblingsduftes hängt.

Aber sie kommt nicht, denn sie ist gestorben, hat ihre erwachsene Tochter allein zurückgelassen. Zurückgelassen „in einer Welt, in der niemand mehr schützend die Hand über mich hält“. Der Abend von und mit Ildikó von Kürthy beginnt traurig und endet auch so – und das ist gut so. Denn bei allem, zum Teil herrlich skurrilem Humor – „die Beerdigung der Mutter scheitert, da das Grab noch anderweitig besetzt ist -, kann nicht jeder Verlust weggelacht werden. Nicht der Tod der Mutter und die Krebserkrankung der besten Freundin auch nicht.

„Es wird Zeit“, so der Titel des Abends, der das Altern, die Sinnhaftigkeit des (späteren) Lebens, die Zweisamkeit, das Aufbegehren und letztlich den Einklang zum Inhalt hat. Und der neben komischen und scharfsinnigen Momenten auch von traurigen und poetischen lebt. Und von der bestens aufgelegten Ildikó von Kürthy, die von Nina Petry begleitet wird.

Um den Auftritt der erfolgreichen Journalistin und Autorin in Zeiten des „social distancing“ möglich zu machen, hat das Kulturforum die Bestuhlung reduziert und neben der „herkömmlichen“ Theke eine rollende Bar geschaffen. Und die Künstlerinnen traten gleich zwei Mal auf, am Nachmittag und am Abend.

„50 ist nicht das neue 40“

Das Publikum war größtenteils im Alter der Bestsellerautorin von Kürthy (Jahrgang 1968) und überwiegend weiblich. Und die beiden Künstlerinnen auf der Bühne boten dem Publikum eine breite Projektionsfläche: Wollte sich von Kürthy nach einem halben Jahrhundert Leben nochmal in Abenteuer und Leidenschaft stürzen, auf Spritzschutz und Fusselrolle verzichten, riet Petry ihr zur Zufriedenheit: „Man darf es seinem Mann nicht übel nehmen, dass man ihn nicht mehr liebt!“

Was sie verbindet, das sind die Erfahrungen als Mütter von Söhnen, die in einem bestimmten Alter „anfangen zu riechen und aufhören zu sprechen“. Noch Jahre später finden sich vereinzelte Legosteine – und zwar genau die, ohne die das komplizierte Lego-Konstrukt nicht vollendet werden konnte – an abgelegenen Orten im Haus wieder. Und dennoch: Petry vermisst den Modergeruch der jugendlichen Sportsocken von einst, von Kürthy schaut heimlich Episoden von Rabe Socke.

Gemeinsame Erinnerungen an die Zeit, als „Wetten dass“ noch mit „ß“ geschrieben wurden zu musikalischen Medleys verarbeitet, mit Simon & Garfunkel, Boy George, Wham, Reinhard Mey, bis hin zu Frank Sinatra. Und allmählich reift die Erkenntnis, dass „50 nicht das neue 40 ist“. Aber wie der Freundin helfen, die keine Vorratspackungen mehr kauft, keine Blumen mehr pflanzt, weil sie fürchtet, bald sterben zu müssen. Die ankündigt: „Wenn es soweit ist, dann verschwinde ich“. Denn auch das verbindet die Generation der Frauen ü50 heute: Nicht nur die Mütter sterben, häufig auch eine gute Freundin an Krebs. Und weil diese Erfahrungen eine ganze Generation verbinden, funktioniert der Abend von Kürthy und Petry auch abseits der Pointen. „Wenn du verschwindest, dann finde ich dich. Ich will, dass du bei mir bleibst bis zum Ende“.

Von Silke Elsermann