Dienstag , 27. Oktober 2020
Pilger
Acht Pilgerzeichen auf einem Hut: Darstellung auf dem Heiligenthaler Altar. (Foto: Stadtarchäologie LüneburgMuseum)

Das Zeichen auf der Glocke

Lüneburg. Die Sonderausstellung „Pilgerspuren – Von Lüneburg an das Ende der Welt“ im Museum Lüneburg widmet sich bis 1. November den mittelalterlichen Pilgerreisen zu den berühmten Fernwallfahrtsstätten in Jerusalem, Santiago de Compostela und Rom. In einer sechsteiligen Serie werden Geschichten und Hintergründe zu den Exponaten und Themen der Lüneburger Ausstellung vorgestellt. Heute geht es um die Pilgerzeichen.

Am Ziel seiner oft wochenlangen Pilgerfahrt erwarb der Pilger ein Zeichen, das er in der Regel am Hut befestigte. Nun war er eindeutig als Pilger zu erkennen. Diese Zeichen, meist kleine Flachgüsse aus einer Blei-Zinn-Legierung, waren aber kein Souvenir, sondern Teil des Heiligtums, das man besuchte und mit diesem Zeichen nachhause nahm. Die Pilgerzeichen bildeten Heiligen oder deren Attribute ab. Erst mit der Blütezeit der Pilgerbewegung im 12. Jahrhundert treten diese Zeichen in Erscheinung. Pilgerzeichen findet man häufig auch auf Glocken. Der Glockengießer drückte das Pilgerzeichen in die falsche Glocke oder Modellglocke, die aus Lehm und Talg bestand. Mit dem Klang der Glocke erreichte die Heilswirkung des Pilgerzeichens die ganze Gemeinde. Diese Glockenzier erscheint im 14. Jahrhundert und war besonders im 15. und 16. Jahrhundert beliebt.

In Rom erwarb der Pilger kleine rechteckige Plaketten mit den Büsten der Apostel Peter und Paulus, Peter mit dem Schlüssel, Paulus mit dem Schwert. Der Peterschlüssel wurde in der alten römischen Tradition der Schlüssel zum Bekenntnis (confessio). Doch als im ersten römischen Heiligen Jahr 1300 das Schweißtuch der Veronika im Petersdom öffentlich gezeigt wurde, erwarben Pilger lieber ein Pilgerzeichen mit dem Antlitz Christi (Vera icon).

Das Pilgerzeichen per se ist besonders heute die Jakobsmuschel „pecten maximus“, die an der gesamten Atlantikküste vorkommt. Der Legende nach wurde der Jünger Christi, Jakobus, im Jerusalem enthauptet. Seine Anhänger legten den Leichnam des Apostels in ein Schiff ohne Besatzung, das später in Galicien im Nordwesten Spaniens anlandete. Helfer setzten ihn weiter im Landesinneren bei. Dann geriet das Grab in Vergessenheit. Nach der Wiederentdeckung im 9. Jahrhundert wurde darüber eine Kapelle, später eine Kirche und schließlich die Kathedrale errichtet, um die herum sich der Pilgerort Santiago de Compostela entwickelte und zu der die Jakobswege führen. Der Heilige Jakobus ist also eng mit dem Meer verbunden. Manche Pilger ließen sich ihre Jakobsmuschel mit ins Grab legen.

Bis zum Ende des Mittelalters wurden an schätzungsweise 500 europäischen, darunter etwa 50 norddeutschen Wallfahrtskirchen Pilgerzeichen vertrieben. Das preiswerte Verfahren des Gusses in Steinmodeln ermöglichte einen geringen Preis. So ist überliefert, dass allein im Wallfahrtsort Einsiedeln in der Schweiz während der zweiwöchigen Engelweihe im Jahre 1466 rund 130.000 Pilgerzeichen verkauft wurden.

Bei archäologischen Ausgrabungen werden immer wieder Pilgerzeichen geborgen. Aus Lüneburg kennen wir Zeichen, die Gläubige aus Köln mit der Darstellung Mariens mit dem Kind und den Heiligen Drei Königen oder aus Steinfeld in der Eifel mit der Darstellung des Heilige Potentinus mitbrachten. Besonders beeindruckend sind Pilger, die wir auf den Tafeln des Heiligenthaler Altars, der Mitte des 15. Jahrhunderts entstand, sehen. Heute finden wir diese Darstellungen in der Lüneburger Nicolaikirche.

Von Edgar Ring