Freitag , 30. Oktober 2020
Jazz-Konzert des "Mark Twang Quartett" im Foyer des Museums (v.l.): Johannes Wennrich und Lothar Müller (Gitarren), Oliver Karstens (Bass) Jan-Philipp Meyer (Drums). Foto: privat

Mitreißend locker und fantasiereich

Lüneburg. Er gehört zu den Gitarristen, die mit ihren Stücken Geschichten nicht nur erzählen wollen, sondern dies genüsslich und hingebungsvoll auf interessante Weise auch tun: Der Hamburger Lothar Müller, mehrfach preisgekrönt, Leader verschiedener Formationen und Projekte, kreiert mit seinen archaisch gefärbten und beseelt singenden Melodien, ob selbst oder fremd, komponiert, sehr gefühlvoll changierende Stimmungen.

Während seiner konzentrierten Interpretationen scheint er mitzusingen, Silben zu formen, das überträgt sich auf das facettenreiche Artikulationsspektrum seines virtuosen Spiels. Und damit das nicht nur solo zum Ausdruck kommt, sondern optimal vielfältig bereichert wird, hatte er kürzlich nicht nur einen zweiten Gitarristen gesucht und gefunden, nämlich Johannes Wennrich, ebenfalls aus Hamburg, sondern holte sich dazu noch den mit dem Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg ausgezeichneten Kontrabassisten u. a. des Ulita Knaus Trios, Oliver Karstens, und den hier u. a. als Schlagzeuger der Bigband Blechschaden bekannten Lüneburger Drummer Jan-Phillip Meyer: Geboren war „Mark Twang“.

Lothar Müller und seine besonderen E-Gitarren

Corona-bedingt konnte „Mark Twang“ nun erst zum vierten Mal gemeinsam öffentlich auftreten, und erstmals in Lüneburg. Eingeladen von der JazzIG, gaben die vier Musiker im ausverkauften Foyer des Lüneburger Museums ein stimulierendes Konzert mit älteren und neuen eigenen Stücken Müllers, unterbrochen von einigen anderer Songschreiber und Jazzmusiker. Wer vermutet hatte, dass der Quartett-Name etwas mit dem gleichnamigen 1976er-Album des Bluegrass-Spezialisten John Hartford zu tun hat, hatte sich geirrt.

Allerdings umschreibt ja „twang“ als lautmalerischer Begriff einen mit Obertönen eigens angereicherten, metallischen Klang etwa einer Stimme oder eben auch einer bestimmten Gitarre, wie er etwa bekannt ist aus Country- oder Rockabilly-Musik. Lothar Müller spielte eine für solche Klangmöglichkeiten prädestinierte Telecaster E-Gitarre, als er nach dem Ensemble-Titel suchte, und er erzeugt eben gern alle möglichen oberton- und formantenlastige, also vokalähnliche Sounds – mehr, so erzählt er nach seinem Auftritt, sei dazu nicht zu sagen.

Emotionale, leicht melancholische Melodien

Diesmal hatte er eine andere E-Gitarre mit, nicht minder freudig an breit gefächerten stilistischen Finessen und geeignet für höchst variable Klangfarbenerzeugung: Ideal für Müllers Liebe zu emotionalen, oft leicht melancholischen liedhaften Melodien und deren narrative Motiv-Variation. Oft im bestens aufeinander abgestimmten Duo mit dem fein zuhörenden, mitgehenden und solistisch auch mit Verve selbst ins Rampenlicht tretenden Johannes Wennrich, durchwirkte Müller seine Themen mit freigeistig artikulierenden Improvisationen, mitreißend locker und fantasiereich begleitet von den Sidemen Oliver Karstens und Jan-Phillip Meyer.

So in Müllers „Jenny Lee“ („die gab es wirklich!“) oder dem samtige Dreiklänge hofierenden „John Wayne“; aber auch in seinen nur mit dem Datum des Entstehens betitelten Stücken („17.08.18“), in Songs von Loney Dear oder Bon Iver, in dem herzerwärmenden „Kind Folk“ von Kenny Wheeler, in„Falling Grace“ von Steve Swallow, „I love You“ des Schweden Emil Swensson oder „Gimme A Holler“ aus dem 1997er-Album „Nashville“ von Bill Frisell, das avantgardistischen Jazz und Country-Elemente mixt.

Mit großer Gelassenheit fügte sich der sehr sensibel agierende Oliver Karstens in das musikalische Geflecht ein, fand immer wieder Momente für beflügelnde Akzente und kurze anregende Soli. Last, not least (!) ist der rastlos nach immer wieder beredten Sounds und vielsagenden Rhythmen forschende Schlagzeuger Jan-Phillip Meyer zu nennen; er schuf hochvirtuos eine musikalische Basis des Jazz-abends mit herrlicher rhythmischer Vielschichtigkeit und Farbigkeit, die der Musik eine stets spürbare differenzierte Transparenz und erhebende Leichtigkeit bescherte.

Am Ende viel begeisterter Applaus und eine Zugabe.

Von Antje Amoneit