Dienstag , 27. Oktober 2020
Heinz Kattner bringt es gerne auf den Punkt. Foto: t&w

Autor Heinz Kattner: „Mir wird zu viel geschwätzt“

Lüneburg. Heinz Kattner ist ein feiner und genauer Beobachter des Alltäglichen. Seine Alltagsstudien lässt er in Poeme fließen, die sprachlich geschliffen und genau sind und zum Weiterspinnen einladen. Im Gedicht „Das Schöne“ beschreibt er den Tisch, der vor dem Fenster steht, hinter dem die Nacht beginnt. „Und auf leerem Holztisch die Hände, als gehörten sie keinem“.

„Jahresringe“ heißt sein neuester Gedichtband (zu Klampen Verlag), den der Autor jetzt im Foyer des Museums Lüneburg vorstellte und der Arbeiten aus den Jahren 1999 bis 2018 zum Inhalt hat. Seine 20 Prosagedichte werden jeweils von Grafiken des Künstlers Lothar von Hoeren begleitet. Seit 40 Jahren schon arbeiten die beiden zusammen, aber im Grunde arbeiten sie getrennt und führen ihre Arbeiten bei gelegentlichen Treffen zusammen. Zuvor weiß keiner vom Ergebnis des anderen – die Grafiken sind somit keine Wiedergaben des Geschriebenen.

Straßenmaler wird zu langjährigem Künstlerkollegen

Kennengelernt haben sich die beiden vor 50 Jahren in Hildesheim, Kattners Geburtsstadt. „Auf einem Platz, wo sich viele junge Menschen aufhielten, saß ein Straßenmaler und malte. Ich setzte mich zu ihm“, erklärte Kattner den Beginn einer langjährigen künstlerischen Kooperation.

Die Journalistin Martina Sulner moderierte den Abend, zu dem das Literaturbüro Lüneburg im Rahmen seiner Reihe „Ausgewählt“ eingeladen hatte. Als „extrem verdichtete Prosa“ charakterisierte Sulner die lyrischen Texte, Kattner selbst spricht von einem „Konzentrat“. In seinem Nachwort beschreibt Hugo Dittberner sie als „formal minimalistisch“. „Einverstanden?“, wollte die Moderatorin von Kattner, der auch als Dozent, Lektor und Herausgeber arbeitet, wissen. Diese Einordnung beziehe sich auf die „Komprimierung der Sätze“, so wie man es aus Filmen, Träumen oder Liedern kenne.

Publikum konnte Kattner kaum verstehen – er sprach zu leise

Die Wirkung dieser komprimierten Form von lyrischer Prosa kann groß und andauernd sein, aber an diesem Abend war sie es nicht. Der Grund: Das Publikum konnte Kattner kaum verstehen, er sprach – trotz mehrfacher Bitten – schlichtweg zu leise und – pardon – zu wenig akzentuiert. So blieben viele seiner vorgetragenen Poeme im buchstäblichen Sinne unverstanden, leider.

Interessant und kurzweilig war der Abend dennoch, denn Kattner erzählte, dass er Robert Seethalers Roman über Gustav Mahler („Der letzte Satz“) „sprachlich toll“ fände, auch wenn er derzeit verrissen würde. Dass er Gedichte von Rilke und die französische Tradition der Dichtkunst liebe, aber nicht alle „neuen“ Errungenschaften wie etwa „ein Wort in eine Zeile zu schreiben“.

40 Jahre hat Kattner in der Evangelischen Akademie Loccum gelebt und gearbeitet. Er mag die „klösterliche Art“ zu leben. Und das spiegelt sich auch in seiner reinen, manchmal asketisch wirkenden Form des Dichtens wider. Allein der Himmel: Es ist der Himmel/ der unruhig macht/ und tröstet/ und bleibt. Er zitierte einen Kollegen mit dem Satz: „Wer die Sprache liebt, wird wortkarg“. Oder ganz profan: „Mir wird zu viel geschwätzt“.

Von Silke Elsermann