Donnerstag , 29. Oktober 2020
Andrej Becker
Andrej Becker malt Porträts genauso gerne wie komplexe Szenen. (Foto: t&w)

Beobachter mit Feinsinn

Lüneburg. Alles nur Theater, was so in unserem Leben passiert? Sicherlich nicht, aber dennoch liefern das eine oder andere Ereignis oder persönliche Erfahrungen Stoff für Romane, Gedichte, Filme, Musikstücke oder auch Bilder. Und das hat vielleicht den Maler Andrej Becker veranlasst, seine jüngste Ausstellung im Museum Lüneburg unter den Titel „Auf der Bühne des Lebens“ zu stellen.

Gezeigt werden 54 Bilder in unterschiedlichsten Formaten: viele Porträts, Lüneburg-Ansichten, aber auch Winterlandschaften, von 24 x 18 Zentimeter bis 200 x 250 Zentimeter. Die Schneebilder gehören zu seinen neueren Werken, zwei sind erst in diesem Jahr fertig geworden. Durch Birken in kniehohem Schnee scheint die Sonne, beleuchtet quasi den kalten Wintertag, zieht den Betrachter fast hinein in den weißen, reinen Zauberwald und lässt ihn beinahe frösteln, wie auch Professor Dr. Heike Düselder bei der Vernissage anführte. Ist das nicht ein bisschen weit gegriffen in Bezug auf das Thema? „Nein“, antwortet Becker, „Natur gehört doch auch zum Leben“.

Porträts auf historischen Eichenbohlen

Überwiegend verwendet Becker Ölfarben und als Untergrund Leinwand, manchmal kommen auch Mischtechniken mit Gold zum Einsatz. Besonders ist eine Reihe von Porträts, die an russische Ikonenmalerei erinnern. Schließlich stammt Becker aus der Sowjetunion, studierte an renommierten Kunstakademien in St. Petersburg, kam 1999 nach Deutschland, um seine künstlerische Freiheit besser ausleben zu können. Besonders ist auch der Untergrund dieser Porträts: Eichenbohlen aus dem 15. Jahrhundert, die aus einem Lüneburger Haus entfernt wurden. Drittes Merkmal sind die Renaissancemotive, die symmetrisch mit Ecken und Kanten gestalteten Gesichter, die den Betrachter beinah anblinzeln und zu einem Dialog auffordern.

Immer wieder beschäftigen den Wahl-Lüneburger auch religiöse Themen. „Jesus in der Wüste“ ist zum Beispiel der Titel eines Bildes, das zum Innehalten einlädt. Die intensiven Rottöne erzeugen eine intensive Tiefenwirkung, machen die Angst, die aus den weitaufgerissenen Augen des Mannes (Jesus) spricht, fühlbar. Dahinter steckt die Geschichte, wie Jesus von Nazareth allein in der Wüste fastet und den Versuchungen des Teufels widerstehen muss.

Ölbild vielleicht aus dem Irrenhaus (des Lebens)

Die schwarze Sonne verstärkt die emotionale Hin- und Hergerissenheit, in der Jesus mit sich und seinem Inneren kämpft. Das Bild gibt es auch als Variation in Blau, zu sehen in der Dauerausstellung in der Tischlerei Willhardt in Barnstedt. Becker hat auch schon Altarbilder für russische Kirchen gestaltet, ebenso wie die Orgeltüren der Nikolaikirche in Bardowick.

Viel Raum für Interpretationen lässt auch das 2,50 Meter hohe „Bühnenstück“, ein Ölbild mit Menschen in weißen Gewändern – vielleicht aus dem Irrenhaus (des Lebens) – einem flehenden Mann auf einem leuchtend roten Holzpferd und einem Wächter im Kettenhemd sowie vielen Gesichtern von Menschen, die auf die Bühne oder Szene schauen und Fragen aufwerfen wie: Was geschieht mit uns, was erwartet uns? Entstanden 2018, erfährt es in Coronazeiten neue Gedankenspiele.

Genau das liegt dem Künstler am Herzen: Er will seine Bilder nicht erklären, er will Anstoß zum Nachdenken geben. Er sieht sich als Beobachter. Ein Beobachter und ein Zeitzeuge mit viel Fantasie.

Öffnungszeiten:

  • Dienstag, Mittwoch, Freitag: 11 bis 18 Uhr
  • Donnerstag: 11 bis 20 Uhr
  • Sonnabend/Sonntag: 10 bis 18 Uhr
  • Finissage am 7. November, 17 Uhr, mit der Laudatorin Silvia Johannsen, Anmeldung erforderlich.

Von Dietlinde Terjung