Dora Heldt kennt Lüneburg auch noch aus ihrer Zeit als Verlagsvertreterin. Foto: t&w

Von der Buchhändlerin zur Star-Autorin

Lüneburg. Es gibt wohl kaum eine Zuhörerin, die sie nicht schon nach den ersten Worten in ihr Herz geschlossen hat. Ja, es sind in der Mehrheit Frauen, die sich in der 1. Etage der Buchhandlung Lünebuch versammelt haben, 27 an der Zahl. Von den drei Quotenmännern könnte man annehmen, dass sie gegen ihren Willen mitgeschleift wurden – wenn sich nicht einer von ihnen zum Ende bei der Fragerunde als bekennender Leser geoutet hätte. Bestsellerautorin Dora Heldt sorgte am Freitagabend für ein – unter Coronabedingungen – ausverkauftes Haus und einen unterhaltsamen Abend.

Buchautorin, Kolumnistin und Literaturkennerin

Sehr sympathisch und natürlich wirkt die Autorin schon beim Eintreffen – das mag auch an der guten und langjährigen Beziehung liegen, die sie zu Lünebuch pflegt. Denn Dora Heldt – 1961 als Bärbel Schmidt auf Sylt geboren – ist gelernte Buchhändlerin und besuchte als Verlagsvertreterin für dtv 35 Jahre lang die Buchhandlungen im ganzen Land. Lünebuch habe immer zu ihren Lieblingskunden gehört, „und das sage ich wirklich, ohne zu schleimen“.

Sylvia Anderle, bei Lünebuch für die Veranstaltungen zuständig, moderierte den Abend. Angekündigt als „Buchmesse der Herzen“ wird schnell klar, dass es hier um mehr als „nur“ eine Lesung geht. Denn Dora Heldt ist vielseitig: Buchautorin, Kolumnistin und Literaturkennerin – und darüber hinaus kann sie witzig und charmant aus ihrem Leben plaudern.

Gerade in diesen Tagen findet die Frankfurter Buchmesse statt – leider in diesem Jahr nur digital. Dora Heldt hat ihre Gedanken dazu in einer Kolumne verarbeitet, mit der sie den Abend eröffnet. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie die Messeatmosphäre vermisst, trotz aller Unannehmlichkeiten, die stickige und volle Messehallen mit sich bringen. Doch ihr Fazit bleibt – wie ihre Bücher – positiv: „Eigentlich kann ich die Menschen ja auch stattdessen anrufen oder so treffen. Und Bücher erscheinen trotzdem und werden ausgestellt: in Buchhandlungen.“

Feines Gespür für den Erfolg

Tatsächlich live und vor Publikum hingegen fand das diesjährige Harbour Front Festival in Hamburg statt, bei dem sich Dora Heldt als Jurymitglied durch 42 Erstlingswerke lesen durfte. In ihrer Zeit als Verlagsrepräsentantin hat sie ein feines Gespür für den möglichen Erfolg eines Buches entwickelt: Als „Prophetin im Blätterwald“ lobten die dtv-Kolleginnen und Kollegen sie zu ihrem 50. Geburtstag. Von den Debüt-Romanen, die sie im Laufe des Abends vorstellt, wird man daher sicher noch hören.

Daniel Mellem, der promovierte Physiker, der sein Erstlingswerk „Die Erfindung des Countdowns“ Anfang Oktober bei Lünebuch vorstellte (die LZ berichtete), habe ihr das Physik-Trauma aus der Schulzeit genommen, schwärmt Dora Heldt. Claire Lombardos Debüt „Der größte Spaß, den wir je hatten“ hingegen ist ein Familienroman. Im Mittelpunkt stehen vier Schwestern, deren eigenes Beziehungsleben unter dem Druck der schon mehr als 40 Jahre andauernden überglücklichen Ehe der Eltern leidet. Klare Leseempfehlungen gibt es auch für Verena Kesslers „Die Gespenster von Demmin“ und Janna Steenfatts „Die Überflüssigkeit der Dinge“.

Manche werden sogar Präsident

Buchvorstellungen wechseln sich ab mit kurzen Lesungen aus Heldts neuesten Kolumnenband „Alles eine Frage der Perspektive“. In gewohnt lockerer und humorvoller Sprache gibt es Geschichten von lauten Ü70-Männergruppen in der Sauna, Frauen, die sich gerne verstecken hinter Sätzen wie „Ich weiß aber nicht, ob ich das kann“ und breitbeinig daherkommenden, lautstark telefonierenden – weil wichtigen – Männern, die sie als „Bulldozer“ beschreibt. Davon gebe es leider ihrer Ansicht nach immer mehr, „und manche werden sogar Präsident“.

Erst nach der Pause kommt „Mathilda“ zu Wort, die 65-jährige Protagonistin aus Heldts neuestem Roman. Nach „Drei Frauen am See“, ihrem wohl bisher anspruchsvollsten Werk, bei dem die vier Hauptfiguren mehr Tiefe hatten als je zuvor, habe sie etwas völlig anderes gebraucht – und entschied sich für eine Geschichte, die auf dem Dorf spielt.

Herausgekommen ist ein schräges Dorfleben-Krimiabenteuer: Mathilda leidet unter ihrer Mutter Ilse, einer Ausgeburt an Boshaftigkeit und Niedertracht. „Man hasst sie schon auf Seite 40“, so die Autorin. Doch es dauert noch einige Seiten, bis Ilse bei einem Unfall ums Leben kommt, bei dem eine tiefgefrorene Gans eine Rolle spielt. Und das soll nicht der einzige Todesfall im Dorf bleiben... Dennoch habe das Buch ein Happy-End, verrät die Autorin, „wie immer in meinen Geschichten“.

Von Ruth Heume