Szene mit Yves Dudziak (links) als Hamm und Christoph Vetter als Clov. Foto: t&w

Es ist längst alles erzählt

Lüneburg. Wie ist das, wenn nichts mehr geht? Wenn sich das Leben nicht mehr lohnt, was tun wir dann? In dem Stück „Endspiel“ von Samuel Beckett, dessen Inszenierung an diesem Wochenende Premiere im TNT des Theaters Lüneburg hatte, sind es die Figuren Hamm (Yves Dudziak) und Clov (Christoph Vetter), die sich dieser Frage stellen müssen. Sie leben irgendwo mitten in der Apokalypse, im Sperrmüll eines verlöschenden Planeten, den die Menschheit offenbar inzwischen an die Wand gefahren hat. Andere Menschen, aufregende Naturkulissen, ein Leben in Saus und Braus?

Plastikmüll und ein altes Tonband

Clov und Hamm haben nur noch einander, ihnen bleibt ein bisschen Plastikmüll und ein altes Tonband. Viel gibt es nicht zu tun, auch wenn Clov meint, in seiner kleinen Küche nebenan warte jede Menge Arbeit auf ihn. Hamm lässt das nicht gelten, er weiß es besser: Das einzige, was diesen beiden Gestalten noch bleibt, ist das Spiel. Einander Geschichten erzählen und mit verteilten Rollen nachspielen wie es damals war oder wie es sein könnte, das macht den Reiz ihres Alltags aus. Leider droht nun dieser Beschäftigungstherapie das Aus.

Es gibt nichts mehr zu erzählen, es ist alles erzählt, jeder kennt die Geschichten des anderen, kennt seine Reaktionen, seine Wortbeiträge. Außerdem schikaniert Hamm seinen einzigen verbliebenen Gefährten Clov gnadenlos: „Ich verlasse dich“ ist die von Clov meist gehörte Drohung dieses Abends, die Hamm allerdings nicht ernst zu nehmen scheint. Wohin soll er denn gehen, der gute Clov, der Arbeitssklave, der permanent Schikanierte? Es gibt keinen anderen Ort, keine weitere Zuflucht. Da draußen ist alles grau, schwer auszumachen, ob gerade Tag oder Nacht ist. Man kann ein letztes Mal miteinander in einen Plastikcontainer klettern und den Untergang der Titanic spielen, schließlich ist inzwischen die ganze Erde offenbar bei einem größtmöglichen Unfall untergegangen. Das passt zur Situation, doch offenbar will das Spiel nicht mehr die rechte Freude bereiten. Zu oft sind diese Beiden schon miteinander auf die Reise gegangen, haben sich durch ihre Tage geschwätzt und über Kleinigkeiten gestritten.

Abwechslung ist rar auf diesem sinkenden Schiff: Ist es nicht endlich an der Zeit, dass Hamm sein Beruhigungsmittel einnimmt? Nötig hätte er es, nur ist keines mehr da, das ist ein Problem. Und einen echten Rollstuhl hätte Hamm auch gerne – vorausgesetzt, er ist wirklich gehbehindert. Sobald nämlich Clov ihm den Rücken zukehrt, kommt Hamm ganz gut alleine zurecht. Seine Behinderungen scheinen Teil seiner Spielereien mit Clov zu sein, sie gehören zu der Art und Weise, wie er seinen Gefährten auf Trab hält. Dabei ist es tatsächlich der arme Clov, der mit einer Gehbehinderung zu kämpfen hat – doch wen kümmert das, wenn keiner mehr da ist, der danach fragt?

Leben in der Apokalypse

Mit dem Bühnenstück „Endspiel“, das der Literaturnobelpreisträger Samuel Beckett im Jahr 1957 verfasst hat, scheint der Autor vieles von dem, was uns heute große Sorgen macht, vorweggenommen zu haben. Die Coronakrise mit dem Shutdown, der Klimawandel, die zunehmende Verschmutzung des Planeten, es passt alles hinein in das Stück, das im TNT von den Darstellern Dudziak und Vetter selbst inszeniert wurde. Ihre enge Zusammenarbeit hat der Aufführung gutgetan. Ein Rädchen greift ins andere, in Teamarbeit füllen sie die Leere mit großen Mengen Text, mit Gesten und Verzweiflungstaten, und ab und zu auch mit Komik. Es ist ihr Abend, schauspielerisch auf hohem Niveau und für den Zuschauer mit dem Nachhall, den Theater haben soll.

Von Elke Schneefuß