Monsieur Henri
Constance (Berna Celebi) versucht, mit ihrem Vermieter Monsieur Henri (Matthias Herrmann) klarzukommen. (Foto: Theater)

Sie streiten und lieben sich doch

Lüneburg. Es gibt Rollen, die muss ein Schauspieler einfach lieben. Dieser Abend bietet so eine: der fiese Möpp, der alte Grantler, der Bärbeiß, der alle und alles niederpoltert. Die Figur des starrköpfigen, sich läuternden Alten ist eine der ältesten und beliebtesten im Theater, und jetzt darf Matthias Herrmann tief eintauchen in so eine Type. Knapp vorm November-Lockdown rutscht eine flockige, aber nicht nur witzige Komödie auf den Plan des Theaters Lüneburg: „Die Studentin und Monsieur Henri“. Corona spielt auch mit.

Henri muss als Aufpasser einen Mieter ins Haus lassen

Leicht in Szene zu setzen ist die Geschichte um den alten Grummelpott Henri nicht. Die von Ivan Calbérac 2012 geschriebene, 2015 verfilmte Geschichte wirkt vom Plot her doch arg konstruiert. Der alte Henri, der hüftsteif mit krummem Rücken durch seine Wohnung stolpert, soll ins Heim.

Es geht allein in den Zimmerfluchten nicht mehr, findet sein Sohn Paul. Alternative: Henri muss als Aufpasser einen Mieter ins Haus lassen. Es wird eine Mieterin, eine Studentin. Constance ist jung und hübsch. Nun kommt der Casus knacksus: Miesepeter Henri lässt Constance nur unter der Bedingung ins Haus, dass sie seinen Sohn anbaggert – oder sie fliegt raus. Sein Sohn nämlich sei ein Blödmann, muffelt der Griesgram, weil er mit einer Idiotin verheiratet ist. Das Stück tändelt zwischen Gesellschaftskomödie und Boulevard. Regisseur Jörg Gade ist ein Routinier, er bringt Pointen gekonnt auf den Punkt. Szene um Szene gewinnt die Geschichte dabei ein wenig an Hintergründigkeit. Gade steuert sie flüssig bis zum sentimentalen Ende. Zum Glück wird‘s nicht zu kitschig.

Bühnenbildner Andreas Freichels, zuletzt in Lüneburg als Häuslebauer für „Aus Staub“ aktiv , entwarf für das Dialog-Gefecht einen langen Tisch, hinter dem sich die Zimmer der Altbauwohnung staffeln. Abstand bei Tisch also ist gewahrt. Besucher bei Henri ziehen die Maske von Nase und Mund, desinfizieren die Hände. Ein Corona-Gag, überflüssig, aber warum nicht…Denn es macht ja Spaß, dem Team zuzuschauen. Natürlich lässt Matthias Herrmann den weichen Kern im Holzkopp Henri durchscheinen, und da kommt schon Paul, ein biederer Strickjackenträger und Steuerberater wie sein Vater. Jan-Philip Walter Heinzel fühlt sich spürbar wohl in seinem Part. Sein Paul bewegt sich linkisch, ihm entgleist schnell das Minenspiel. Paul ist ein verklemmter grauer Mäuserich, der plötzlich um Constances Willen farbig sein will und sich kräftig zum Affen macht.

Die beiden Frauenrollen in der Komödie sind differenzierter. Den schwersten Part meistert Berna Celebi als verpeilte Studentin Constance, die alle Bosheiten Henris erträgt und im mürrischen Alten einen Beschützerinstinkt weckt. Celebi hat einen recht vielschichtigen Charakter zu spielen: zum einen die Studentin in Dauerkrise, ohne innere Orientierung und ohne Geld, mal forsch, mal voller Versagensangst. Das kommt glaubwürdig rüber. Zum anderen muss Celebi fett aufdrehen, wenn sie Henris Intrige mitspielt, widerwillig Pauls Hirn und Herz verwirrt, bis der Depp in die Flirtfalle tappt. Diese Szenen sind plakativ und schrill in Szene gesetzt, die innere Zerrissenheit der Constance kommt trotzdem zum Ausdruck.

Weidenhammer zieht das Platte aus der Figur

Noch eine Gratwanderung, und die schafft Beate Weidenhammer als Pauls Frau. Valérie erscheint, wie beim Boulevardtheater zu erwarten, zunächst als oberflächliches Dummchen, trägt modische Kostüme und findet alles „faaaaabelhaft“. Aber Beate Weidenhammer zieht das Platte bald weitgehend aus der Figur, gibt ihr innere Wärme. Deutlich wird, dass Valérie ein großes Herz hat, Angst vor dem alten Zänker und vor dem Verlust ihres Manns. D‘accord, okay: Sie darf den drögen Paul behalten.

So geht der Abend fix rum, in runden 75 Minuten ist der Spaß vorbei. Länger braucht es nicht, und länger dürfen sie ja auch nicht – Corona führt Co-Regie. Griesgram Henri und die anderen müssen nun den November über schweigen. Am 4. Dezember, so ist zu hoffen, streiten sie wieder und lieben sich doch.

Von Hans-Martin Koch