Kommt eine Wolke
Die alte Stine (Britta Focht) denkt an die Zeit mit ihren Kindheitsfreunden wie Fiete (Richard Erben). (Foto: t&w/Andreas Tamme)

Stine ist allein zu dritt

Lüneburg. Stine ist alt geworden. Sie kauert sich in ihrer kümmerlichen Hütte in Strickjacke und Schal, hüllt sich ein in eine raue Decke. Stine ist den Menschen in ihrem Dorf fremd, eine Spökenkiekerin, sagen sie. Denn in Stine lebt ein Trauma fort, das Jens Raschke in ein Theaterstück über Freundschaft und Tod, Schuld und Vergebung verwandelt hat. Raschke schrieb die alte Husumer Sage von der getreuen Alten um. „Kommt eine Wolke“, ein Stück für Menschen ab neun Jahren, lässt nun in 60 T.3-Minuten am Theater das Publikum nicht los.

Es braucht für Stines Bude nur ein Podest, zwei alte Stühle, einen Hocker, dazu einen Haufen mit Decken, einer Milchkanne, einem Tau und anderem Kram, der ein wenig an Stines gesammeltes Leben erinnert. In Azizah Hockes Bühnenbild inszeniert Sabine Bahnsen eine im Kern tieftraurige Geschichte. Denn als Stine Kind war, erlebte sie, wie ihre Freunde Gonne und Fiete ertranken – und das Dorf sah zu. Nie hat Stine die Tragödie vergessen, in ihrem Kopf leben die Toten weiter. Sie sind Jungs geblieben, während sie grau wurde und sich arg krümmt, will sie etwas vom Boden heben. Stine redet mit Gonne und Fiete und sie mit ihr, das macht Stine im Dorf zur Spinnerin.

Auf der Bühne leben die Jungs nicht in Stines Kopf, sie tollen durch die Hütte, machen Unfug, rangeln kläffen wie die Hunde draußen. Niklas Schmidt spielt den besonneren Gonne, Richard Erben den Fiete zwischen Alptraum und strudelnder Energie. Beide zeigen den Zwiespalt zwischen Unbekümmertheit und der Einsicht, dass sie tot sind, nur Stine sie sieht und hört. Sie lernen zudem, dass es keinen Sinn mehr macht, darüber zu streiten, wer an der Tragödie damals so etwas wie Schuld trägt oder bis heute empfindet.

Achtmal sollte es im November „Kommt eine Wolke“ heißen

Sabine Bahnsen zeigt das Bühnentrio nicht als Trauerklöße. Sie formt mit Musik von Philip Richert ein langsam anlaufendes, bald quirlig vitales, manchmal schon recht lautes Geschehen. Aber auch wenn es durch die von Corona erzwungene Spielkürze wenig Raum zum Innehalten gibt: Es berühren Momente angstvollen Stutzens, in denen Gonne und Fiete ihr Nicht-mehr-Sein erkennen. Aber schnell verdrängen sie die dunklen Gedanken und hampeln herum als impulsive Jungs.

Es ist Britta Focht, die als Stine Ruhe, Tiefe und Seele in das Stück bringt. Stine ist allein zu dritt. In Britta Fochts Mimik spiegeln sich Erinnern und Trauern, Gram, Harm und auch mal Versonnenes – aber dann erwacht Stines Wachsamkeit. Die Menschen vom Dorf haben zwar ihr Fenster vergittert, ihre Tür verbrettert. Sie soll nicht stören beim Fest, bei dem das ganze Dorf aufs Eis zieht. Doch Stine kennt die Signale der Natur, sie sieht: Es kommt eine Wolke und bringt Sturm. Sie winkt, sie ruft, keiner schaut. Und so fies das Dorf zu ihr ist, sie wird die Menschen in einem Akt der eigenen Zerstörung retten und sei es ihr eigener Tod …

Das Ende auf der Bühne lässt Sabine Bahnsen einen Spalt weit offen, und dann läuft ein zweites, von Sami Köppe gedrehtes Video. Da springen sie noch einmal als Kinder am Strand herum – und schließlich stehen drei Paar Holzpantinen allein am Ufersaum. Ein starkes Bild!

Achtmal sollte es im November „Kommt eine Wolke“ heißen. Nun könnten die nächsten Vorstellungen, so die Hoffnung, am 5. Dezember stattfinden. Wenn nicht die Corona-Wolke Himmel und Meer weiter verdüstert …

Von Hans-Martin Koch