Thees Uhlmann, ein Gewinn für den Lüneburger Kultursommer. Foto: t&w

Ironiker und Melancholiker

Lüneburg. Noch umgibt jedes Konzert so ein „Endlich wieder“-Gefühl. Von den „ersten zärtlichen Petting-Versuchen der Kultur“ spricht Thees Uhlmann beim Lüneburger Kultursommer, der an diesem Abend seinem Namen Ehre macht. Gut 600 Besucher sind auf die Sülzwiesen gekommen, um einen der Klugen im Land von Song und Pop zu erleben, Uhlmann, den großen Ironiker, den gewitzten Moderator, den Autor von Texten, denen man wirklich gut und gern zuhört. Diese zwei Stunden stehen im Ranking der Kultursommer-Konzerte weit oben.

Mit der Band Tomte kam Uhlmann in den späten Neunzigern auf den Plan. Er blendet seine Geschichte ein, nimmt einen Tomte-Erfolg mit auf die Bühne: „Ich sang die ganze Zeit von dir“. Er covert ein zweites Stück, „48 Stunden“, es stammt von Freunden, von Kettcar, mit dessen Frontmann Marcus Wiebusch er in St. Pauli das Label Grand Hotel van Cleef gründete.

Ein starker Erzähler

Uhlmann, mittlerweile 46 Jahre, ist zu gut fürs Mainstream-Radio. Seine Songs laufen in den späten Stunden, vor allem aber live in den Clubs und auf den Festivals – und die sind dicht und auf Eis gelegt, wohl auf lange Zeit. Aber Uhlmann hadert nicht rum, packt einen weiteren Tomte-Song aus. Der ist 14 Jahre alt und passt auf alle, die nun nicht verzagen: „ Schönheit der Chance / Dass wir unser Leben lieben, so spät es auch ist / Das ist nicht die Sonne, die untergeht / Sondern die Erde, die sich dreht“.

Begleitet wird Uhlmann von Tomte-Kumpan Simon Frontzek an den Tasten und Rudi Meier (Gitarre, Percussion). Uhlmann selbst ist nicht der größte Sänger, der größte Gitarrist. Aber er hat etwas zu sagen, er hat Charme, und seine Ironie richtet er auf sich selbst aus und ein wenig aufs Publikum.

Uhlmann ist ein starker Erzähler, mal kalkuliert, mal spontan. Sein Lieblingswitz muss sein: „Sind Sie Mario Adorf?“ – „Ja.“ – „Oh, dann habe ich Sie verwechselt.“ Okay… Er amüsiert sich über die Plakate, die für den Kultursommer werben: „Eine Stadt, die Culcha Candela an oberste Stelle setzt, da müsste man mal reden…“ Culcha, die Party-Kracher, Chicks-Anmacher… Er selbst habe anfangs nicht mal draufgestanden. Was er nicht sagt oder weiß: Es aber lag daran, dass seine Agentur das Konzert noch nicht bestätigt hatte.

„Ist doch genial…“

Uhlmann reitet eine Attacke auf Angela Merkel und eine auf Bushido: „Er rappt zwanzig Jahre gegen die Polizei, und jetzt kann er nur mit Polizeischutz zum Einkaufen gehen. Ist doch genial…“ Dann singt er ein wunderbares Lied über einen Videodreh der Rapperszene: „Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hiphop-Videodrehs nach Hause fährt“.

Uhlmann erzählt Anekdotisches und liest es auch, mit einem Beispiel aus seinem erfolgreichen Buch über die Toten Hosen. Dazu hat er wieder eine „Ist doch genial…“-Erfahrung: „Im letzten Diktat eine Sechs und später in der Spiegel-Bestsellerliste. Ist das genial?“ Uhlmann fällt neben dem laufenden „Genial“-Gebrauch dazu oft in die modische Sprachmarotte: „Und ich so…“ – „Und er so…“ Geschenkt.

Weit wichtiger: In jedem Ironiker steckt ein Melancholiker. Oft passt beides parallel in seine Stücken: „Was wird aus Hannover, wenn die Scorpions nicht mehr sind?“ endet mit der Frage „Was ist, wenn wir beide wie Hannover sind?“ Autsch! Uhlmann singt über intensive, schmerzliche, zärtliche Liebe und bündelt Lebenserfahrung: „Das Leben ist kein Highway / Es ist die B73“. Das ist die Strecke ins Zuhause des Aufwachsens, nach Hemmoor, im Irgendwo zwischen Stade und Cuxhaven. Schlägt er den Weg dorthin ein, möge er zum Konzertstopp einen Umweg über die B4, die B209, die B216, die A250 nehmen – viele Wege führen ja auch nach Lüneburg.

Von Hans-Martin Koch