Samstag , 26. September 2020
WWer es sich leisten konnte, reiste den längsten Part seiner Pilgerreise per Schiff. Museumsdirektorin Heike Düselder und Kurator Hartmut Kühne gingen auf die Spuren des Pilgerns. Foto: phs

Von Lüneburg an das Ende der Welt

Lüneburg. Reisen mit dem Finger auf der Landkarte – das ist eine flapsige Formulierung für diejenigen, die bei aller Abenteuerlust am liebsten auf dem Sofa blei ben. Im Mittelalter aber konnte so eine Finger-Tour viele Tage dauern und war sehr ernst gemeint: Nonnen, gefangen in ihrem Kloster, pilgerten im Geiste zu den drei großen Wallfahrtsorten, nach Rom, nach Santiago de Compostela und nach Jerusalem – und suchten sich ihren mit Gebeten gepflasterten Weg auf der Ebstorfer Weltkarte aus der Zeit um 1300. Dafür steht – oder besser: liegt – nun eine Reproduktion der berühmten runden Karte auf dem Fußboden des Museum Lüneburg. Sie weist den Weg zu der (bis 1. November laufenden) Pilger-Ausstellung „Von Lüneburg an das Ende der Welt“. Sie dreht sich natürlich vor allem um jene Menschen, die sich tatsächlich auf den beschwerlichen Weg gemacht haben.

Gleich neben der Bodenkarte wurde eine neue Wand im Museum eingezogen, um den eigentlichen Ausstellungsbereich abzuschotten – viele Exponate der rund vierzig Leihgeber aus dem In- und Ausland stammen aus dem tiefen Mittelalter, sie sind entsprechend empfindlich. Also waren Bedingungen zu erfüllen: 19 Grad Raumtemperatur, 55 Grad Luftfeuchtigkeit, stark gedämpftes Licht. „Es ist die bisher aufwändigste Ausstellung des Lüneburger Museums“, so Leiterin Prof. Dr. Heike Düselder, trotzdem musste am Ende dann doch auf ein paar Exponate verzichtet werden, die Auflagen waren einfach zu hoch. Die Ausstellung präsentiert neben Statuen, Kunsthandwerk, Urkunden, Reisenotizen, neben Bildern auch ein Video über den Vatikan – und ein Tattoo-Studio.

Pilgerzeichen im Hafenschlick von Stade

Am Anfang des Ausstellungs-Projekts war der Fund von Pilgerzeichen im Schlick des historischen Hansehafens von Stade. Historiker und Archäologen waren fasziniert von der Vielfalt der zunächst recht unscheinbaren Bildzeichen. Und so wurden 2016 die ersten Pläne für eine Doppel-Ausstellung geschmiedet. Unter dem Titel „Wege in den Himmel“ beschäftigt sich der Schwedenspeicher Stade nun mit der Frömmigkeitskultur, die dem katholischen Pilgerwesen zugrunde liegt. Die Lüneburger Ausstellung dreht sich um Reisen, die nachweisbar stattgefunden haben. Der Hintergrund: In der Stadt gibt es nur wenig thematisch passende Exponate wie etwa Statuen oder Bilder, dafür eine Fülle von Dokumenten, von Reiseberichten beispielsweise.

Obwohl das Pilgerwesen in der Gegenwart eine verblüffende Renaissance erlebt, ist es 35 Jahre her, dass sich eine große deutsche Ausstellung dem Pilgern im Mittelalter gewidmet hat. Die Erzählung mit dem längst zum geflügelten Wort gewordenen Titel „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling hat zusätzlich eine moderne Bewegung befeuert, in der es nicht unbedingt um die ewige Seele geht. Wer heute nach Santiago de Compostela wandert, will vielleicht einfach nur dem Alltag entfliehen, zu sich selbst finden. Aber auch wenn nach alten Vorstellungen etwa eine Pilgerfahrt nach Jerusalem dem Toten auf dem Weg in die Ewigkeit ein paar tausend Jahre Fegefeuer erspart, so waren damals längst nicht alle Reisen religiös motiviert – Rom beispielsweise war schließlich ein Handelszentrum, der Vatikan eine Stätte der Rechtsprechung.

Würdenträger der Kirche

Zu den eher weltlich gestimmten Rom-Pilgern zählt der Lüneburger Bürgermeister Albert van der Molen, er war 1453 vom Stadtrat auf den beschwerlichen Weg über die Alpen geschickt worden. Er sollte eine päpstliche Entscheidung im Lüneburger Prälatenkrieg erwirken. In dem zwischen 1447 und 1463 virulenten Streit standen sich die Stadt und die an den Salinen begüterten Prälaten (Prälaten sind Würdenträger der Kirche) und geistlichen Institutionen gegenüber. Am 18. November zog Albert van der Molen mit seinem Gefolge los, ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben Herzog Friedrichs I. von Braunschweig-Lüneburg. Wie die Mission verlief, das ist in einem Kapitel des die Doppel-Ausstellung begleitenden Katalogs „Pilgerspuren“ (528 Seiten) nachzulesen.

Santiago de Compostela (von Lüneburg 1810 Kilometer entfernt) wurde als letzter Ort vor dem Ende der Welt begriffen. Eine Reise zu den großen fernen Wallfahrtsorten war eine teure, zeitraubende und mitunter riskante Angelegenheit, die den begüterten Menschen jener Zeit vorbehalten blieb. Bevor sie aufbrachen, mussten sie alle irdischen Dinge – bis hin zur Ehe und dem Testament – klären. An den Wegen entwickelte sich über die Jahrhunderte eine eigene Infrastruktur, mit Wallfahrtskirchen und Herbergen. Auf dem Bardowicker Nikolaihof soll übrigens in den nächsten Monaten eine Wohnung für Pilger eingerichtet werden. An den einzelnen Stationen am Wegesrand sammelten die Pilger kleine Plaketten und ließen sich Stationen ihrer Reise mit Brief und Siegel bestätigen. Wer es bis Jerusalem schaffte, ließ sich das Zeugnis gern eintätowieren. Und dieses Zeugnis wurde zuweilen dokumentiert: Ein Ölgemälde (um 1700) zeigt einen gewissen Heinrich Wilhelm Ludolf, einen deutschen Gelehrten. Zur Pose gehört ein wie zufällig hochgerutschter Ärmel, auf dem Unterarm prangt eine aufwändige Pilger-Tätowierung, signiert auf 1699.

Keine Entscheidung Roms im Lüneburger Prälatenkrieg

Albert van der Molen ist übrigens gescheitert, trotz aller Bemühungen hatte er keine päpstliche Entscheidung zugunsten der Stadt Lüneburg erwirken können. Am 22. Juli 1454 machte er sich auf den Rückweg, am 15. September war er wieder daheim. Getrödelt hatte die reitende Reisegruppe nicht, sie schaffte Tagesetappen von fünfzig, zuweilen sogar siebzig Kilometern. Der Prälatenkrieg ging weiter, heute aber ist man Albert van der Molen dankbar. Denn seine bis ins Detail dokumentierte Reiseroute liefert einen für das Spätmittelalter einzigartigen Einblick in den Verlauf und in den Alltag einer Romreise.

Von Frank Füllgrabe