Sonntag , 20. September 2020
Theater im Grünen, und heute soll einmal nicht von dem Virus die Rede sein. Foto: Bert Brüggemann

Es ist immer und überall

Bostelwiebeck. Da ist es wieder, das Theater im Grünen. Hühner picken über die Wiese, ein Hund jagt einer Frisbee-Scheibe nach, ein blauer Bauwagen bietet zweit ens eine Theke und erstens eine Bühne. Stühle stehen abstandsgerecht herum, und nun geht es um „Das Gute“. Das böse „C“-Wort, auf das sich – bisschen krumm – „Matratzenschoner“ reimt, es fällt nicht an diesem Abend. Er folgt dem seit zwölf Jahren immer neu designten Jahrmarkttheater-Muster von experimentierendem Open-Air-Theater, nicht mehr in Wettenbostel, sondern in Bostelwiebeck. Dort sind die Theatermacher um Thomas Matschoß und Anja Imig zu Hause.

Lieder, Szenen, Gruppenbildung

Dass die Welt gut ist, lehrt die Allmacht Google: Zum Wort „gut“ werden 924 Millionen Klickmöglichkeiten angeboten, „schlecht“ bietet lächerliche 75,4 Millionen. Was so alles gut ist, listen fünf Schauspielerinnen und Oma Sanne bald auf: Harry Potter, die gesetzliche Krankenversicherung, erneuerbare Energie etc. Aber es ist ja trotz alledem nicht so leicht mit dem Guten. Das lehren die ganz in weißer Märchenkleidung erscheinenden Kristina Brons, Zandile Darko, Kristin Norvilas, Charlotte Pfeifer und Anna Sinkemat, dazu Thomas Matschoß in seinem Hundert-Jahre-Oma-Sanna-Küchenkittel. Das Gute nämlich gibt es nicht umsonst.

Es wird ein typischer Jahrmarkttheater-Abend mit Liedern, Szenen, Gruppenbildung und Umzug des Publikums. Das ist auf 60 Besucher reduziert, eine Pause gibt es auch nicht. Solche Maßnahmen erzwingt das Wort, auf das sich auch Barcelona reimen lässt.

Es werden Texte gelesen, jede Gruppe bekommt eine Vorleserin. Es wird kollektiv eine original Theaterträne vergossen, es wird ein bisschen diskutiert und auch mal philosophisch, wenn Martha Nussbaum als Erforscherin des Guten in den Text kommt. Die Fähigkeit zu erholsamen Dingen postuliert sie beispielsweise fürs gute Leben. Was gut tut? Schwimmen, bewusst atmen, ein Pferd reiten – Vorschläge aus dem Publikum.

Kopfhörer hängen an den Stuhllehnen, aus ihnen wird die „schöne blaue Donau“ walzern. Ach ja, tanzen, das fällt auch flach wegen des Wortes, das einem beim Reim auf Ramona in den Sinn kommt.

Das Improvisierte gehört dazu

Der Abend verläuft im ersten Teil etwas sprunghaft und auch mal fragil, das Improvisierte gehört dazu. „Kennen sie schon die Exnovation?“, fragt ein von Markus Voigt komponiertes, von Matschoß betextetes Lied. Da geht es darum, dass Altes geht und Neues entsteht. So mit dem Kommen und Gehen ist das auch mit dem Guten. Es ist immer und überall, um einen alten EAV-Hit im Sinn zu drehen. Man muss es nur sehen und hier und jetzt empfinden und leben. So etwa lässt sich die Botschaft des Abends zusammenfassen.

Das Publikum zieht hinters Haus. Es wird sehr poetisch und wirklich sehr schön. Schade, dass es noch hell ist. Fünf Fenster im ersten Stock leuchten blau, in jedem sitzt, hockt, reckt, fläzt sich eine Schauspielerin, unten auf der Terrasse spielen die Musiker Arne Imig und Benedikt Schnitzler. Ausstatterin Anja Imig hat da eine tolle Kulisse geschaffen. Bewegungen und Texte folgen nun einer Choreographie, sie ist von Regisseur Matschoß, Dramaturgin Andrea Hingst und dem Team so sehens- wie hörenswert umgesetzt. Monologe, Dialoge, Rückzüge ins Private werden in immer neuen Positionen am Fenster und mit collagiertem Text komponiert. Gegen Ende ruft eine Schauspielerin: „Das Leben ist schön! Wird schon schiefgehen!“

90 Minuten sind um, der Beifall ist lang, ein Lagerfeuer knistert und knackt, auf dass es noch ein wenig verweilt, das Schöne und Gute. Die kommenden Vorstellungen sind alle ausverkauft – bis auf zwei Zugaben am Nachmittag, am 15. und 22. August, 15 Uhr. Eintritt frei, aber der Zylinder am Ausgang darf sich füllen.

Von Hans-Martin Koch