Mittwoch , 23. September 2020
Publikumshit: Das Musical „Singin’ in the Rain“ war fast komplett ausverkauft. Foto: Theater

Eigentlich lief es gut

Lüneburg. Es war Freitag, der 13. Am Abend zuvor lief noch „Aus Staub“ im Theater Lüneburg. An diesem Freitag nun stand eine ganz regulär angesetzte Betriebsver sammlung auf dem Plan. Mittendrin kam der Anruf von Oberbürgermeister Ulrich Mädge: Schicht im Schacht, Vorhang zu, alle nach Hause. Corona. „Wir wussten, dass es kommt, aber nicht wann“, erinnert sich Verwaltungsdirektor Volker Degen-Feldmann. „Es war so ziemlich genau 13.13 Uhr“. Eine Besucherstatistik hat Degen-Feldmann natürlich trotzdem erstellt. Sie zeigt: Die Saison lief gut, bevor sie zu Staub zerfiel.

Rund 180 Vorstellungen sind ausgefallen

Das Drama des Abbruchs beziffert Volker Degen-Feldmann: „In den 3,5 Monaten bis zum Spielzeitende sind auf unseren drei Bühnen circa 180 Vorstellungen mit etwa 37.000 Zuschauern ausgefallen“. Einnahmeverlust: 700.000 Euro.

Degen-Feldmann hat für die Besucherzahl eine Wahrscheinlichkeitsrechnung bis zum ausgefallenen Spielzeitende erstellt. Sie basiert auf „sehr guten“ Vorverkaufszahlen, zu denen zwei dann ausgefallene, bereits langfristig ausverkaufte „Aber bitte mit Sahne“-Konzerte im Leuphana-Audimax gehörten. Das Theater wäre unterm Strich bei knapp 110.000 Besuchern für die Spielzeit 2019/20 angekommen, so Degen-Feldmann. So waren es bis zum 13. März 72.000.

Für die Prognose bis Ende Juni bedeutet Degen-Feldmanns Rechnung: 3000 bis 4000 Zuschauer weniger als im Vorjahr, was „immer noch ein sehr guter Wert“ gewesen wäre. Vergleichszahlen sind immer mit großer Vorsicht zu genießen: In der Spielzeit zuvor gab es zum Beispiel mehr Produktionen: ein Familienballett, „Jephta“ in St. Michaelis, mehr auswärtige Orchesterkonzerte.

Bis zum Abbruch lagen die Auslastungszahlen im großen Haus und im T.NT über den Vorjahreswerten, im T.3 darunter. Einige Produktionen waren weitgehend abgespielt. Beim Blick aufs große Haus ergibt sich im Vorjahresvergleich zum Beispiel ein deutliches Plus von sechs Punkten auf 95,7 Prozent besetzte Plätze in der Sparte Musical/Operette. Das liegt besonders an „Singin’ in the Rain“ (99,5 Prozent besetzte Plätze). Die Sprechstücke legten um 6,5 Punkte auf 83,0 Prozent Auslastung zu, am besten lief „Schöne Bescherungen“ (89,8). Einen Punkt mehr auf 85,4 gab es bei Oper/Ballett. Das alles ist natürlich der Stand bis zum 13. März.

Kein Spielraum für Baumaßnahmen

Große Baumaßnahmen stehen in den Theaterferien nicht an. Es gäbe dafür auch keinen finanziellen Spielraum. Das Drama der mittel- und langfristigen, ohnehin sehr kritischen Theaterfinanzierung wird bald wieder zu Diskussionen und Verhandlungen führen.

Der Blick geht nach vorn, erstmal gen Herbst. An einem möglichen Spielkonzept tüftelte die Theaterleitung lange. Wie berichtet, wird es ab 4. September Aufführungen geben, etwa 60 bis 70 Minuten, beginnend um 18 und um 20 Uhr – vor kleinem Publikum. Die Spielzeit startet mit Schillers „Jungfrau von Orleans“, der Text kondensiert zu einem Solo für Stephanie Schwab.

Statistisch wird auch 2020/21 ein nicht vergleichbarer Sonderfall. Volker Degen-Feldmann wird dann zum letzten Mal die Rechnung auf den Tisch legen. Die Sichtung der Bewerbungen für seine Nachfolge läuft. Normalität im Spielplan eintreten könnte zum Jahreswechsel, aber das ist bis jetzt nur eine Hoffnung. Der allgemeine Vorverkauf für die Monate September bis Dezember startet am 24. August. Das Theaterfest zum Start in die Saison entfällt. Aber für alle, die das Theater lieben, dürfte ab 4. September jeder Spieltag zum Fest werden.

Von Hans-Martin Koch