Donnerstag , 13. August 2020
„Unter der Welle vor Kanagawa“ von Katsushika Hokusai (1760–1849), Farbholzschnitt, Farbe auf Papier. Foto: Museum

Über die Kunst des Kopierens

Hamburg. Eine eigene Position besetzen, unverwechselbar sein – in der zeitgenössischen Kunst werden Originalität und Kreativität als unverzichtbare Werte begriffen. Das war nicht immer so und gilt auch heute nicht überall: Wiederholen und Kopieren sind in der japanischen Kultur Grundlagen für künstlerisches Schaffen. Beides wird als Hommage an frühe Meister verstanden und als Einschreiben in Bildtraditionen offen praktiziert.

Noch bis Ende August zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) in der Ausstellung „Copy & Paste – Wiederholung im japanischen Bild“ rund hundert Skizzen, Farbholzschnitte, Hängerollen, Bücher und Stellschirme aus der Ostasien-Sammlung, im Mittelpunkt stehen die späten Edo- (1603–1868) und die Meiji-Zeit (1868–1912). „Copy & Paste“ spürt dabei dem Entstehen, der Weiterentwicklung, der Verbreitung und der Adaption von Bildern in der Kultur Japans bis heute nach.

Hokusais Welle überschwemmt die Welt

Zu sehen sind Werke herausragender Holzschnittmeister wie Katsushika Hokusai (1760–1849), Toyohara Kunichika (1835–1900), und Utagawa Kuniyoshi (1798–1861) sowie Arbeiten von Maler/innen des 19. Jahrhunderts wie Kawanabe Kyōsai (1831–1889) und Suzuki Kiitsu (1796–1858). Ihre Werke waren für Europäer um 1900 wegweisend und inspirieren bis heute Kunstschaffende weltweit. Das berühmteste Beispiel ist Hokusais Farbholzschnitt „Unter der Welle vor Kanagawa“ (1830–31), der adaptiert, künstlerisch weitergetragen und massenhaft auf Postkarten, Tassen und T-Shirts reproduziert wird.

» Am Freitag, 7. August, startet die Ausstellung „Gestrüpp“ mit Arbeiten von Susanne Kriemann. Im Rahmen der Ausstellungsreihe „Fotografie neu ordnen“ hat das Museum Susanne Kriemann (*1972) eingeladen, sich mit der Sammlung Fotografie und neue Medien zu beschäftigen und ihr eigenes Werk mit historischen Fotografien und Drucken in Dialog zu setzen. Susanne Kriemann befasst sich etwa in ihrer Arbeit „Gessenwiese, Kanigsberg, 2017/18“ mit der Sichtbarmachung von radioaktiver Strahlung und den Folgen für die Vegetation. Dafür nutzt sie nicht nur das Mittel der Fotografie, sondern bedient sich auch historischer Druckverfahren wie der Heliogravüre, einer Vorläufer-Technik des modernen Tiefdrucks. Für das benötigte Pigment verarbeitet sie die kontaminierten Pflanzen selbst, die Radioaktivität wird somit auch zum physischen Element ihrer Bilder.

Ein installativer Aufbau von Pflanzenproben ergänzt diese Serie und gibt Einblick in die Entstehung der Fotodrucke. Für eine zweite Reihe von Heliogravüren, die eigens für die Schau entsteht, ließ sich Susanne Kriemann von den so genannten Naturselbstdrucken der Botaniker Constantin von Ettingshausen (1826–1897) und Alois Pokorny (1826–1886) inspirieren.

Exportschlager aus China

Susanne Kriemann ist seit 2017 Professorin an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Sie beschäftigt sich mit den technischen Voraussetzungen und historischen Bedingungen der Herstellung von Fotografien. Die Ausstellung läuft bis 31. Januar 2021.

» Die nächste Sonderausstellung führt wieder nach Fernost: „Made in China! Porzellan“ läuft vom 2. Oktober bis zum 20. März 2022. Made in China – dieses Label ist in der heutigen Warenwelt allgegenwärtig. China hat bereits vor Jahren Deutschland als Exportweltmeister und die USA als größte Handelsnation abgelöst. Der seit Jahrtausenden unübertroffene Exportschlager aus China ist das Porzellan. Das sogenannte weiße Gold hat eine über 3000-jährige Geschichte. In Europa gelang die Entwicklung einer Porzellan-Rezeptur erst Anfang des 18. Jahrhunderts, mit weitreichenden Folgen für den globalen Porzellanhandel.

Die Ausstellung zeigt Einzelstücke und Geschirr aus der Ming- und Qing-Dynastie (1644–1911) von kaiserlichem Porzellan bis zu Exportware. Die Präsentation von über 1000 Jahre alten Proto-Porzellan-Schalen bis zu äußerst aufwendig gestalteten Monumentalvasen aus dem 19. Jahrhundert zeigt technische und künstlerische Entwicklungen. Sie beleuchtet Aspekte wie Materialität, Funktion und Qualität und zeichnet die Entwicklungen von Handels- und Reiserouten der Objekte nach.

Von Frank Füllgrabe