Dienstag , 22. September 2020
Caroline Kiesewetter spielt eine der „Tussis“. (Foto: Foto: Oliver Fantitsch)

Vier Frauen und ein Thema

Lüneburg. Zuletzt trat Caroline Kiesewetter vor fünf Jahren auf den Sülzwiesen auf. Besser gesagt: Sie kam dort ins Schwimmen – mit Seelöwen beim Circus Krone. Kiesewetter und Lüneburg, das hat einige Kapitel: Sie amtierte als erste Oberbürgermeisterin Lüneburgs, posierte als Covergirl der Stadt, und sie hat hier vor zehn Jahren auch schon mal geheiratet. Nun kommt sie als Tussi zurück – mal wieder auf die Sülzwiesen. Da ist nun etwas Aufklärung nötig.

Das mit den Seelöwen war eine PR-Aktion und „sehr berührend“. Als Oberbürgermeisterin spielte die Hamburgerin bei den „Roten Rosen“, Covergirl war sie für den Lüneburg-Marketing-Prospekt, und geheiratet hat sie am Theater als Rosalinde in der Shakespeare-Komödie „Wie es euch gefällt“.

Tussi schließlich ist sie am Dienstag beim Kultursommer auf den Sülzwiesen. Genauer gesagt: Eine von vier Tussis, die im Parkhaus eines Einkaufzentrums unfreiwillig eine Nacht miteinander totschlagen müssen. „Tussipark“ heißt das bundesweit erfolgreiche, mit Pop-Hits gepimpte Boulevardstück von Christian Köhn. Es feierte gerade – auf Hochdeutsch – am Ohnsorg Theater Premiere. Jetzt wird open air auf den Sülzwiesen gespielt, gelästert und gesungen.

Wie war die Zwangspause? „Wir waren sehr auf der Scholle“, blickt die Schauspielerin und Sängerin auf die Corona-Zeit zurück. „Wir haben uns in Dithmarschen verbarrikadiert“, sagt sie. Zeit für Verwandschaft. Tag um Tag trudelten in den toten Wochen Absagen für Auftritte ein. Die Konzerte mit Musik von Udo Jürgens hier in Lüneburg, ein Auftritt mit Götz Alsmann und der WDR Bigband – alles weg. „Das schmerzt“. Umso schöner, nun wieder spielen zu können.

Caroline Kiesewetter gehört zum „Tussipark“-Quartett, mit ihr Tanja Bahmani, Julia Holes und Rabea Lübbe. „Ich spiele eine Life- und Fitnesstrainerin“, sagt Kiesewetter; im Stück heißt sie Pascalina Lammertz-Schröder. Das klingt kapriziös, und so ist der Typus „männerverschleißende Geschäftsfrau“ auch angelegt.

Im „Tussipark“ sinnieren, quatschen, blödeln vier Frauen über Kerle – natürlich. Es geht mitunter recht derbe zu, „es wird sehr auf Gag gespielt“, Klischees sind erlaubt. Pascalina macht im Laufe der Komödie eine Wandlung durch. Sie weiß, wie man mit Männern umgeht. Sagt sie, glaubt sie. Nach 80 Minuten ist sie schlauer.

Corona verändert das Theater: Im Ohnsorg Theater dürfen 123 Zuschauer Platz nehmen – statt 428. „Das Proben war befremdlich. Wir haben einen Beruf, in dem man nach kurzer Zeit einen engen Kontakt zu Menschen bekommt – und jetzt muss man immerzu Abstand halten.“

Abstandszwang war ein Riesenproblem, weil in dem Stück gesungen wird. Sechs Meter Abstand beim Live-Singen hieße das laut Corona-Bedingung. Sechs Meter, das ist nicht umsetzbar. Acht Songs von ABBA bis Britney Spears erklingen nun playback. „Wir dürfen sie nicht live singen, furchtbar“, sagt Kiesewetter. Das Quartett hat die Titel im Studio aufgenommen, immerhin stimmen die Stimmen. Es gab vor der Premiere sogar eine gesundheitsamtliche Abnahme. Solche Vorgaben stellen auch Regisseur Murat Yeginer vor Herausforderungen.

Er hat sie offenbar gemeistert. Der NDR berichtete über „ein temporeiches Gag-Feuerwerk ohne Angst vor Gaga“. Der Abend schmecke ein bisschen nach Schmidt Theater, also mehr Kiez als Heidi-Kabel-Platz. Das passt doch zu den Sülzwiesen, auf denen in normalen Zeiten ohnehin viel Rummel ist. Und Lüneburgs Rotlichtviertel ist ja auch nicht weit.

Von Hans-Martin Koch