Montag , 26. Oktober 2020
Am 14. Januar 2017 wurde Peter H. Stoldt (†; 2.v.l.) mit dem Forschungspreis Lüneburger Geschichte ausgezeichnet. Geehrt wurde er von Nicole Ziemer (v.l.), Heike Düselder, Jan-Christian Cordes, Thomas Vogtherr. Foto: t&w

Diplomatie vor Krieg

Lüneburg. Manchmal lässt sich der Ort genau bestimmen, an dem eine Buchidee zu reifen begann. Im Falle der imponierenden Fleißarbeit von Peter H. Stoldt über die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg und dem Königreich Schweden im kriegerischen 17. Jahrhundert war dies der Fürstensaal des Rathauses. „Nach unserem Umzug von Bremen nach Lüneburg 2013 machten wir eine Rathausführung“, berichtet Helga Stoldt, „da sah ich in der Galerie die drei Kronen der schwedischen Könige über dem Porträt einer Dame“. Fortan machte sich ihr Mann auf, eine Forschungslücke zu schließen.

„Leider hat mein Mann die Veröffentlichung des Buches nicht mehr erlebt, die letzte Druckfahne kam zu spät. Mein Sohn und ich haben das Projekt dann zu Ende gebracht.“ Peter H. Stoldt starb kurz vor Weihnachten 2019 in seinem 83. Lebensjahr. Für seine Arbeit „Diplomatie vor Krieg“ (Wallstein, 488 Seiten, 39,90 Euro) war er Anfang 2017 mit dem „Forschungspreis Lüneburger Geschichte“ ausgezeichnet worden.

„Das wurde eine zweite Heimat für uns“

Ein Buch, mit dem er der Diplomatie in ausgesprochen blutigen Zeiten ein Denkmal setzt. Im 17. Jahrhundert erlebte Europa nur vier Jahre Frieden, Schweden über den Zeitraum von 1611 bis 1721 nur 39 Jahre ohne Kriegstrommeln. Doch auch in diesen Zeiten gab es geschickte Diplomatie, um unnützes Leid zu verhindern. Gerade ein machtpolitisches Leichtgewicht wie das welfische Fürstenhaus von Braunschweig-Lüneburg brauchte angesichts der weitreichenden Ambitionen der damaligen Supermacht Schweden Verhandlungsgeschick.

Schweden war ein Lebensthema des ehemaligen Bremer Oberschulrates und Vorsitzenden des Auslandsschulausschusses von Bund und Ländern. Peter H. Stoldt erlernte mit seiner Frau Helga Schwedisch. „Wir kauften in den Schären von Stockholm eine ehemalige Nutria-Farm. Das wurde eine zweite Heimat für uns“, sagt seine Witwe.

Gewinn für die Gegenwart

Im 17. Jahrhundert wollte Schweden seine Vorherrschaft von der Ostsee in die norddeutsche Tiefebene ausweiten. Die Expansion bis nach Stade machte Schweden zum Nachbarn der Welfen. Das militärische Vorgehen der Skandinavier sorgte immer wieder für Widerstand im europäischen Konzert der Mächte, Allianzen dämmten den Hegemon ein. Die Welfen wurden von den Großmächten umworben, konnten wegen interner Streitereien aber wenig Vorteile aus ihrer Position ziehen. Erst Ende des Jahrhunderts gelang der Aufstieg zum Kurfürstentum. Dennoch spielte der braunschweigisch-lüneburgische Kanzler Jakob Lampadius im westfälischen Friedenspoker eine diplomatische Rolle, die das Gewicht seines Hauses überstieg. Bei seiner Ehrung Anfang 2017 zitierte Dr. Stoldt schwedische Textpassagen, nach denen „die Lüneburger ständig genervt“ haben.

So wie Peter H. Stoldt bewusst war, dass der Historiker immer von seiner Zeit geprägt auf die Geschichte blickt, so kann man sein Buch durchaus auch mit großem Gewinn für die Gegenwart lesen. Eine Supermacht im Abstieg und Konflikte zwischen Mächten, die den Alleingang suchen, und solchen, die Bündnisse bevorzugen, gibt es auch heute.

Von Joachim Zießler