Donnerstag , 24. September 2020
Die Einnahmen fehlen, Notfallhilfen bleiben aus, kurz: Es ist zum Haare raufen. Diese Szene hat allerdings nichts mit der Krisensitzung zu tun, stammt aus dem Stück „Bald sind wir alt“ des Theaters zur Weiten Welt (vorne: Raimund Becker-Wurzwallner). Foto: die

Es wird besser, aber nicht gut

Lüneburg. Krisengipfel der Kultur: 30 bis 40 Musiker, Maler, Theatermacher, Designer, Veranstalter, Keramiker, Kinobetreiber, Orchesterleiter, Tänzer, Lichtgestalter, Kunstschulbetreiber und mehr verteilen sich im Glockenhaus. Skepsis ist vielen ins Gesicht gezeichnet, spricht aus Beiträgen. Viel Ratlosigkeit herrscht, aber auch so etwas wie Kampfgeist blitzt auf. Schnelle Besserung aber gibt es nicht.

Das macht Oberbürgermeister Ulrich Mädge deutlich. Er sitzt mit Daniela Krüger vom Sozialdezernat und Kulturberaterin Alyssa Wolter am Podium. Mädge berichtet von Versuchen, das Land Niedersachsen zu einem Hilfsprogramm für die Selbstständigen der Kulturszene zu bringen. Mädge hat als Präsident des Niedersächsischen Städtetags einen kurzen Draht zur Landesregierung. Aber es sei „etwas enttäuschend“, das Land Niedersachsen kümmere sich im Gegensatz zu einigen anderen Bundesländern nicht um die frei arbeitenden Künstler.

Kulturausschuss des Stadtrats tagt am 9. September

Aus Mädges Worten spricht viel Frust. Die Kultur habe im Land eben nicht mehr den Stellenwert wie vor zehn, fünfzehn Jahren. Von den Landtagsabgeordneten der Region ist zum Thema nichts zu vermelden. Was fehlt, ist konkrete und schnelle Hilfe besonders für alle, die ohne eine feste Institution im Rücken Kultur gestalten. Sie haben keine klassischen Betriebskosten, für die es Geld gab. Projekte wie neue Theaterstücke oder Konzerte werden zurzeit nicht gezielt gefördert, aber ohne eine entsprechende Unterstützung geht es vielen Machern schnell an die Existenz.

Das Problem vertieft sich, denn Förderer wie die Sparkassenstiftung haben zurzeit deutlich weniger zu verteilen. Die Stiftung hänge am Tropf der Sparkasse, brauche deren Zuweisung, sagt Stiftungsgeschäftsführer Carsten Junge. Geht es der Sparkasse schlecht, bekommt das die – auch intern auf Sparkurs befindliche – Stiftung unmittelbar zu spüren. Es soll etwas besser werden.“Wir haben bei der Stadt Mittel umgeschichtet, um zu sehen, was im letzten Quartal des Jahres geht“, sagt Mädge. Es geht um 30.000 Euro, die noch verteilt werden können. Der Kulturausschuss des Stadtrats tagt am 9. September. Die Sparkassenstiftung, so hofft Mädge als deren Vorstand, werde ab Januar Geld in sechsstelliger Höhe für Fördermaßnahmen ausschütten können.

„Modell Hamburg“

Die Aussprache eröffnet Raimund Becker-Wurzwallner vom Theater zur weiten Welt: „Danke für die nicht ermutigenden, aber klaren Worte.“ Unbedingt wolle man zurück zum Spielbetrieb. Ein Problem: In den Theatersaal der KulturBäckerei dürfen nach Corona-Regeln maximal 40 von sonst 100 Besuchern. „Die Kosten – Miete, Techniker, Gage, Tantiemen, GEMA – sind aber immer die gleichen.“ Auf Miete für die freien Theater will laut Carsten Junge die Sparkassenstiftung als Betreiberin der KulturBäckerei in diesem Jahr verzichten.

Becker-Wurzwallners Anregung: eine Ticketprämie. Für jede verkaufte Karte legt die Kommune den Preis einer Karte drauf. In einigen Städten werde das so betrieben. Oberbürgermeister Mädge will das aufgreifen, prüfen, besonders am Beispiel Hildesheim. Mädge begrüßt auch das Modell Hamburg: 2000 Euro als Neustarthilfe für freie Künstler. Da aber ist wieder das Land gefordert.

Ganze Reihe von Detailproblemen

Weitere Vorschläge: Cellistin Hanna Rexheuser regt Konzerte im Rathausgarten an, Designerin Taimi Zeske und Keramikerin Cornelia Woitun fragen nach kurzfristigen Ausstellungsmöglichkeiten. Da steht vieles auf der Kippe, zum Beispiel die für die erste Septemberwoche in der KulturBäckerei geplante Form-Art. Sie hat immer sehr viele Besucher, soll aber laut Junge stattfinden, wenn ein umsetzbares Hygienekonzept gefunden wird.

Malerin Gudrun Jakubeit hat die Idee einer Art Gutscheinheft für die Lüneburger Kultur, Theatermacherin Birgit Becker sähe gern für 2021 ein Open-Air-Theater-Programm. Das wird es im Kleinen noch in diesem Sommer in der Kurpark-Konzertmuschel geben, in kurzer Form vom 7. bis 9. August als Theater- und Mitmachprogramm für Kinder von sechs bis zehn Jahren, organisiert vom Stadtmarketing.

Eine ganze Reihe von Detailproblemen kommt zur Sprache. Wege zur Grundsicherung zeigt Daniela Krüger auf, als Beraterin für Anträge etc. steht Alyssa Wolter bereit, und Mädge betont Bedeutung und Wertschätzung für Kulturschaffende. Sie wird ideell und materiell noch lange übers gewohnte Maß nötig sein.

Von Hans-Martin Koch