Samstag , 31. Oktober 2020
Culcha Candela beim „Hamma!“-Abend auf den Sülzwiesen. Foto: t&w

Ribidebom, ribidebäng

Lüneburg. „Vielen Dank für dieses Stück Normalität“, ruft Mateo, als er nach 90 Minuten von der Bühne geht. Endlich wieder ein Konzert vor Menschen und nicht vor Autos! Mehr als 500 Menschen kommen zum Kultursommer-Auftritt von Culcha Candela auf die Sülzwiesen, und sie sind glücklich, als die Band gleich verkündet: „Wir haben die erste exklusive Genehmigung zum Aufstehen fürs Publikum.“ Wer immer da was genehmigt haben mag, es war richtig, es ging super. Corona blieb allein zu Haus …

Was so banal und grotesk klingt wie die Lizenz zum Aufsteh’n, ist eben nicht normal in diesen Monaten. Konzerte dürfen eigentlich nur vor sitzenden Menschen laufen. Andererseits: Tritt Culcha Candela auf, ist Sitzenbleiben keine Option. Also: Tanz vor dem Sitz, es funktioniert, so ziemlich alle springen, kreisen, singen, schwenken Arme und Hände auf der Stelle – und halten Abstand. Jedenfalls soweit das Auge reicht…

Culcha Candela ist seit 2002 unterwegs, das Programm 2020 heißt: „Wir konzentrieren uns auf die guten Seiten.“ So ruft es Johnny Strange – oder war es Don Cali. Egal. Mit DJ Chino macht die Band heute zu hundert Prozent Hip-Hop-Partymucke: „Ribidebom, ribidebäng, sigedidangdidangdigididangdäng“. Muss man erst mal hinkriegen, das Buchstabenungetüm. Es geht ums Feiern, Party und, na klar, um Frauen als Killerladys, „Monsta“-Bodys und „W-W-W-Wildes Ding“… Das Frauenbild in der Szene ist übelst, aber es sind heute weit mehr Frauen als Männer da, und sie haben die Texte drauf: „Du bist hamma, wie du dich bewegst in dei‘m Outfit, hamma.“

Die Band hat zwei Sängerinnen dabei: Julie Brown und Elli bekommen ihre Soli. Zwei Tänzerinnen (Barbora Laloba, Georgina Leo Saint Laurent) mischen auch mit. Ab und an klingt durch, dass Culcha Candela Reggae machte, Dancehall, und dass sie Texte mit Gesellschaftskritik schrieben. Aber jetzt bringen die Fachkräfte für Heißkultur „Ratatang“ auf den Plan, und das geht so: „36 Grad im Club und der Pegel steigt / Floor ist packed, Mucke bangt, alles übernice / Skippe die Schlange an der Bar, order‘ und ich chille / Checke die Chicas auf Distanz durch die Sonnenbrille“…

Die Texte sind beknackt oder ironisch, also genretypisch …

Mögen die Texte komplett beknackt sein oder bestenfalls als Ironie durchgehen, sie sind genretypisch. Und: Die Verpackung macht’s. Culcha Candela bringt mit jeder Menge Flow satt Energie auf die Bühne, und die steckt an, selbst den Opernfachmann neben dem Berichterstatter…

Ein paar Samples zitieren alte Zeiten, die Eurythmics, sogar die Beatles, und aktuell bauen sie sich Snaps „Rhythm is a Dancer“ aufs eigene Format zurecht. Salsa-Rhythmen lockern auf, immer wieder verlässt die Multikulti-Truppe die deutsche Sprache – englisch, spanisch… Okay, unterm Strich ist das absolut Ischgl-fähig, aber der Club ist jetzt ja draußen, mit viel Platz, und der Aerosol-spritz-Cocktail sprüht nur auf der Bühne. Nüchtern betrachtet handelt es sich bei dem, was Culcha macht, um „stimmungshebende Lieder“, wie es bei Wikipedia heißt. Ja, die Stimmung ist sehr gehoben. Ein Plädoyer fürs Kiffen statt Saufen bringt die Band auch unter. Obwohl in den Lyrics ja der Alk schon seine Rolle spielt – „Die Erde dreht sich von allein / Dein Arsch bewegt sich von allein / Die Gläser füllen sich von allein / Alles geht heut‘ von allein…“

Ein bisschen Nachwuchs – Cardie, JP, Niqu – rappt den Abend ein, und am Ende – diszipliniert Punkt 22 Uhr – schauen auch die Veranstalter glücklicher drein als bei den vorausgegangenen Konzerten. Endlich mal mehr Besucher! Wenn es so weiterginge, wäre ja alles ribidebom, ribidebäng, sigedidangdidangdigididangdäng …

Von Hans-Martin Koch

Das läuft beim Kultursommer

Weiter geht‘s mit Talk, Hip-Hop und Pop

Das Programm für den Kultursommer auf den Sülzwiesen wächst weiter, hier der aktuelle Überblick der Live-Auftritte (ohne Kino):

NEU Mittwoch, 22. Juli, 19 Uhr: LüneTalk “Kunst, Kultur und Comedy – Lüneburg startet durch!“ Mit Singer/Songwriterin Miss Allie, Musikproduzent Peter Hoffmann, den Schauspielern Burkhard Schmeer und Tetje Mierendorf sowie Künstler Jan Balyon. Moderation: Udo Gast. Eintritt frei, läuft auch als YouTube-Stream.
Donnerstag, 23. Juli, 20 Uhr: Die Orsons.
Sonnabend, 25. Juli, 20 Uhr: Michael Schulte. Support: Chaos Varieté.
Dienstag, 28. Juli, 20 Uhr: „Tussipark“ mit dem Ohnsorg Theater – auf Hochdeutsch.
Sonnabend, 1. August, 19.30 Uhr: Thees Uhlmann.
Freitag, 7. August, 20 Uhr: Miss Allie.
Sonnabend, 8. August, 20 Uhr: Liedfett.
Sonntag, 9. August, 19 Uhr: Vicky Leandros.
Sonnabend, 15. August, 20 Uhr: Samy Deluxe.
Freitag, 21. August, 20 Uhr: Anna Depenbusch.
NEU Sonnabend, 22. August, 20 Uhr und Sonntag, 23. August, 19 Uhr: Felix Lobrecht.
NEU Dienstag, 25. August, 20 Uhr: Bodo Wartke.
Sonnabend, 29. August, 20 Uhr: Achtung Baby.
Sonntag, 30. August, 20 Uhr: Götz Alsmann.