Freitag , 25. September 2020
Chorprobe mit viel Abstand – hier übt Anka Fiedler mit dem Artlenburger Chor Heaven Eleven. Foto: t&w

Wie halten Sie Ihren Chor bei Laune?

Lüneburg. Die Chöre sind verstummt, und verstimmt sind sie auch. Sie sind offenbar die letzten in der Musik, für die es eine Perspektive gibt. Zu weit fliegen die Aerosole. „Chorsingen ist das gefährlichste Hobby der Welt“, zitiert Nicole Lohmann von LoChorMotion einen aktuellen Titel. Seit Mitte März waren weder Proben noch Konzerte möglich. Wie halten Sie Ihren Chor bei Laune, fragt die LZ einige Leiterinnen von weltlichen Chören in Stadt und Land. Kreativ sind sie alle, zeigt sich, und erste Lockerungen sind ja auch verkündet: Proben im Freien, Abstand: zwei Meter nach vorn, ein Meter fünfzig zur Seite.

Monika Grade aus Adendorf leitet drei Chöre: den Silcher-Chor und gemischte Chöre in Adendorf und Reppenstedt. „Ich habe Übe-CDs erstellt, also Lieder eingesungen, die zu Hause geprobt werden können.“ Online-Proben seien schwierig, da viele Ältere mitsingen, die technisch nicht entsprechend ausgerüstet sind. Aber Monika Grade beginnt mit Open-Air-Proben, bei gutem Wetter. Der Silcher-Chor trifft sich vor dem Johanneum, die Reppenstedter vor der Kirche, die Adendorfer vor der Schule am Katzenberg, in den Ferien am Sportplatz. Könnte sein, dass sommerlich im Freien auch mal Weihnachtslieder erklingen. Das Wunschziel bei allen drei Chören nämlich lautet, auch 2020 wie alle Jahre gerne Konzerte zu Weihnachten zu singen.

Open-Air-Proben

Der wohl erste Chor, der mit Open-Air-Proben startete, war LoChorMotion – auf dem Sportvereinsgelände in Kirchgellersen. Nicole Lohmanns Lüneburger Rock & Pop Chor hat schon vorher einiges auf die Beine gestellt. In Eigenregie haben Chormitglieder „Human“ von Rag’n’Bone Man eingesungen und sich dabei mit dem Handy aufgenommen, sodass sich daraus ein Video schneiden ließ.

Joana Toader betreut acht Chöre, drei davon in Stadt und Kreis Lüneburg. Ihr jüngstes Projekt F.O.N., ein Männerchor, pausiert. Jede Menge los aber ist beim Gospelchor Lüneburg und bei Chornetto in Amelinghausen. Toader hat fürs Proben zu Hause Stimmen eingesungen. Sie versuchte eine Probe über Skype – „eine Katastrophe“. Über die Plattform Zoom lief es etwas besser, aber man hört sich nicht gegenseitig. Beide Chöre haben Homevideos aufgenommen und bei YouTube eingestellt. Mittlerweile proben sie bei jedem Wetter draußen, die Gospelsänger treffen sich privat im Garten. Chornetto zieht es zum Schafstall. Der Chor hoffte, am 19. September beim „Lüneburger Chorseptember“ aufzutreten, aber der ist auf 2021 verschoben. An dem Abend aber ist nun ein Auftritt im Kulturforum geplant. Tags drauf steht ein Konzert in Bad Bevensen an, aber tatsächlich „steht doch alles in den Sternen“, sagt die Chorleiterin.

Playlist zu Lieblingsliedern

Anna Schwemmer dirigiert den Frauenchor MissTöne und den Kinder- und Jugendchor der Musikschule. Lange lief alles online, am besten über das Portal Microsoft Teams. „Aber das fühlt sich an, als sei man Leistungsschwimmer und trainiert auf dem Trockenen“, sagt sie. Trotzdem: Die Stimmung in den Chören ist so schlecht nicht. Wie andernchors auch, sorgt der Zwangsabstand zugleich für viel Zusammenhalt. Auf der MissTöne-Facebook-Seite erstellen Sängerinnen eine Playlist zu Lieblingsliedern. Ein Home-Video hat MissTöne auch eingesungen, passend zur Zeit Michael Bublés „Home“, zu sehen und hören auf YouTube. Auch mit dem Kinder- und Jugendchor laufen entsprechende Projekte. Seit Ende Juni treffen sich die MissTöne zum Singen draußen, an der St.-Ursula-Schule – „zuletzt 90 Minuten bei strömendem Regen“. Nun ist aber schon Sommerpause.

Fünf sehr verschiedene Chöre in Stadt und Land achten auf die Zeichen von Anka Fiedler: Ohregano in Lüneburg, der MGV Scharnebeck-Rullstorf, die Michaelis Singers in Bienenbüttel, sINgSPIRATION in Echem und Heaven Eleven in Artlenburg. Mit MP3-Dateien, auf die sie die Einzelstimmen gesungen hat, hielt die Bienenbüttlerin ihre Sänger/innen bei Laune. Für Ohregano nahm sie ein Medley aus 30 Jahren Chor auf, Heaven Eleven probt dem 20. Geburtstag entgegen. Mittlerweile geht es zum Singen auf die Wiesen und in die Kirchen, in denen immer nur eine Kleingruppe von vier Sängern aktiv ist, die anderen auf Abstand sitzen und lauschen. „So geht es ganz gut“, sagt Anka Fiedler, „aber wie wird es im Herbst und im Winter?“ Noch im Sommer werden auch einige ihrer Chöre Adventslieder auspacken, denn vielleicht ist Ende November eine Zeit angekommen, in der wieder etwas geht…

So sieht es aus mit dem „gefährlichsten Hobby der Welt“. Mehr dazu? Das gibt’s bei YouTube von den Happy Disharmonists.

Von Hans-Martin Koch