Montag , 28. September 2020
Kerstin Fischer vom Literaturbüro bei einer Kaffeepause mit Sandra Gugic (r.). (Foto: privat)

Die ganze Welt ist doch ein Dorf

Planung ist das halbe Leben, aber eben nur das halbe. Das musste auch Sandra Gugić erfahren, denn als sie vor gut zwei Jahren die Nachri cht erhielt, dass sie als Heinrich-Heine-Stipendiatin für das Frühjahr 2020 erwählt wurde, konnte niemand ahnen, dass ein Virus namens Corona diesen Aufenthalt durchkreuzt. Da die Autorin inzwischen auch Mutter geworden ist, wurde sie von der Präsenzpflicht befreit. Vergangenes Wochenende weilte sie zumindest zu einem Kurzbesuch in Lüneburgs Dichterwohnung, eine Chance für ein paar Fragen an die Wahlberlinerin.

Wie haben Sie Ihre Stippvisite in Lüneburg erlebt?
Gugić: Ich war übers verlängerte Wochenende in Lüneburg und habe meinen Aufenthalt sehr genossen. Die Atmosphäre im Heinrich-Heine-Haus, die Ruhe und zugleich die Geschäftigkeit der Stadt, und auch die Lektüre der Romane meiner Vorgänger*innen im Haus waren sehr anregend. Gerne wäre ich länger geblieben, aber manchmal verdichten und intensivieren sich gerade in kurzen Aufenthalten die Eindrücke und Erlebnisse. Ich denke das war der Fall.

Was ist Ihnen aufgefallen? Welche Eindrücke werden Sie noch lange erinnern?
Die Lebendigkeit und Freundlichkeit der Stadt sind mir besonders aufgefallen. Bei einer exklusiven Stadtführung mit Evelyn Schade konnte ich meine Eindrücke dann noch vertiefen und mit historischen Fakten unterfüttern. In besonderer Erinnerung werden mir der Spaziergang durch die Altstadt im Senkungsgebiet bleiben, der trubelige Wochenmarkt und die sympathischen Verkäufer*innen, natürlich auch die eindrucksvollen Räume und imposanten Decken des Heinrich-Heine-Hauses.

Haben Sie an Heinrich Heine gedacht, als Sie in der Stipendiaten-Wohnung waren?
Im Bewusstsein der Geschichte des Hauses und ganz physisch unter dem schweren Gebälk der Decken kommt man gar nicht umhin, auch an den Dichter zu denken. Das lyrische Ich Heinrich Heines in dessen „Zeitgedichten“ und die Zeile „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“, ist ja zum geflügelten Wort geworden, wenn es um politische Entwicklungen geht. Vom großen Rauschen der literarischen und politischen Welt zurück in die Banalität des menschlichen Daseins geworfen hat mich ein Wespenstich, der meinen Fuß höchst unangenehm anschwellen ließ und mich am ersten Tag erstmal zwang, zur Ruhe zu kommen.
Also verbrachte ich den Abend nach meiner Ankunft mit der Lektüre der Romane meiner Stipendien-Vorgänger*innen – den Fuß dabei in einen Eisbeutel gepackt und hochgelegt.

Geburtsstadt Wien, aktueller Wohnort Berlin – Großstädte ,markieren Ihr Leben. Ist das Zufall oder brauchen Sie das Metropol-Flair?
Lange habe ich am gleichen Ort gelebt, in Wien, und Wien ist ja eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes ein Dorf, dann hat mich das Schreiben und das späte Studium erst nach Leipzig und dann nach Berlin verschlagen. Ich reise gern, große Städte und das damit einhergehende Lebensgefühl sind ebenso spannend und wichtig für mich wie ländliche, ruhige, möglichst menschenleere Orte, in denen ich Ruhe und Kontemplation suche. Das Reisen sollte auch nicht überschätzt werden, oft bewegt der Mensch sich auf Reisen nicht unbedingt ins Unbekannte, sondern in den immer gleichen Strukturen und Mustern seines Wesens. In diesem Sinne: Ist nicht die ganze Welt ein Dorf, überhaupt in Europa?

Sie sind sehr vielseitig, haben Grafikdesign und Sprachkunst studiert, schreiben Prosa, Lyrik, Theatertexte und sogar Hörspiele. Probieren Sie gern unterschiedliche Dinge aus?
Ein linearer Lebenslauf ist nichts, was ich vorweisen kann. Jede Station meines Lebens hat mich und mein Schreiben geprägt. Ich bin als Kind der Arbeiterklasse aufgewachsen und kenne die Bedingungen und Umstände des ganz normalen Arbeitslebens, wie es die Mehrheit der Menschen führen, ebenso wie die Produktionsbedingungen künstlerischer Arbeit. Form und Inhalt stehen für mich in einem direkten Zusammenhang und bedingen einander, die Grenzen der Gattungen sind fluider geworden. Es tut der Arbeit gut, darüber hinaus zu denken.

Zeigt die Corona-Pandemie, die schließlich auch Ihre Lüneburg-Zeit verhindert hat, bereits Auswirkungen auf den Literaturbetrieb?
Die Bedingungen der Schreibenden sind schwieriger geworden, auch die der Verlage, viele kämpfen ums Überleben und sind auf der Suche nach Strategien. Der Literatur kommt die Rolle zu, mutig und wachsam zu bleiben. Eigentlich ändert sich die Rolle der Literatur also nicht. Wird sich die Gesellschaft wirklich verändern, werden wir uns wirklich verändern? Das können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Vor allem aber muss die Literatur am Leben bleiben, damit sie etwas verändern kann oder aufzeigen, durch das Wort, den Text, die Sprache. Es obliegt uns, der Gesellschaft, diese Literatur hochzuhalten, Bücher zu kaufen, zu lesen. Nach wichtigen Büchern und Stimmen Ausschau zu halten, auch abseits der Feuilletons und Bestsellerlisten.

Welche Bilder und Fragen haben sich bei Ihnen bereits eingeprägt?
Die Bilder der weltweit leergefegten Städte während der (unterschiedlich strengen) Ausgangsbeschränkungen waren sehr eindringlich, auf der einen Seite haben sie mich an Katastrophenfilmszenarien erinnert, andererseits strahlten sie auch eine große Ruhe aus. Wie ein Versprechen, dass die Welt von überdrehter Betriebsamkeit auch zu Besinnung und Stille finden könnte.

Von Dietlinde Terjung