Samstag , 26. September 2020
Musik spielt in Hanni Schäfers Leben von Kindesbeinen an eine Rolle. Nun hat sie sich den Künstlernamen Vlude zugelegt und fühlt sich im Elektro-Pop zu Hause. Foto: Nicole Franke

Von Deutsch Evern nach Tokio und zurück

Hamburg. Es gibt bessere Zeiten, Karrieren voranzutreiben. Das erfährt auch Hanni Schäfer. Die Musikerin, geboren 1993, wuchs in Deutsch Evern auf, kam über die Klassik zum Jazz und weiter zur Popmusik. Mittlerweile hat sie unter dem Künstlernamen Vlude ihren Stil gefunden, schreibt ihre Stücke selbst, wird von einem Major-Label begleitet, drehte ein Video in Tokio. Vor wenigen Tagen erschien „Cola Korn“, ein Song, der in Text und Video zurück aufs Dorf führt. Im Interview erzählt sie von ihrem Weg und vom Künstlerleben in Zeiten von Corona.

Fangen wir mal von vorne an. Sie sind den Weg von einer klassisch geprägten Musikausbildung zur Popmusik gegangen, wie ist das verlaufen?
Vlude: Bereits mit fünf Jahren bekam ich Klavierunterricht. Da meine Mutter selbst klassische Musikerin ist, hat sie dafür gesorgt, dass meine Brüder und ich eines oder mehrere Instrumente lernen konnten. Als ich etwa zehn war, kam die Geige dazu, auch im Orchester „Strings!“ der Musikschule mit Konzertreisen nach Spanien und Frankreich. Der Weg zum Gesang kam eher per Zufall, als mein Musiklehrer am Gymnasium Oedeme, Detlef Schult, mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, in der Schulbigband zu singen. Ich hatte zwar keine Ahnung vom Singen, aber habe einfach losgelegt.

2010 waren Sie die einzige bei „Jugend musiziert“ in Sachen Pop/Gesang, da haben Sie auch ein eigenes Stück gesungen. Was war das für ein Lied?
Ich erinnere mich noch dunkel an den Wettbewerb. Damals hatte ich noch keinen blassen Schimmer von Atem- und Gesangstechnik, habe komplett nach Gefühl gesungen. Das hat sich bis heute nicht wirklich geändert, aber ich versuche, auf die Gesundheit meiner Stimme zu achten. Der Song damals hieß jedenfalls „The Complication“. Ich suche noch immer nach einer Aufnahme, weil ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann. Bestimmt eine Klavierballade.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Musik zum Beruf machen wollen?
Die Leidenschaft zum Beruf zu machen, ist ein Wunsch, der sicher immer in mir war. Gezielt darauf hinzuarbeiten, ist nochmal eine ganz andere Sache. Mein Großvater hat mir nach dem Abi ermöglicht, Musikproduktion in Berlin zu studieren. Das war der erste entscheidende Impuls, da ich dort Leute getroffen habe, die das Gleiche wollten. Irgendwann habe ich angefangen, die Songs, die ich im Kopf hatte, aufzunehmen. Dass ich ein paar Jahre später einen Plattenvertrag haben würde, war zu dem Zeitpunkt unfassbar weit weg.

Ist Hamburg ein idealer Ort für Musiker?
Ein Freund sagte mal: „Hamburg ist das Exil für Musiker.“ Damit meint er, dass es einige Musiker, die auf den Trubel in Berlin keine Lust haben, nach Hamburg zieht. Hier gibt es ebenfalls eine Szene, sie ist klein, man kennt sich. Für mich ist Hamburg ein Ruhepol und die schönste Stadt Deutschlands. Ich habe nach dem Abi fünf Jahre in Berlin gewohnt. Berlin ist natürlich das Epizentrum für Musik. Ich fahre mehrmals im Monat dorthin, um im Studio zu arbeiten.

Sie haben nach dem Studium der Musikproduktion ein weiteres Fach angehängt.
Richtig, im Bachelor habe ich Musikproduktion in Berlin studiert und 2016 meinen Abschluss gemacht. Als Songwriterin und Produzentin arbeite ich auch für andere Künstler. Aktuell studiere ich im Master Kultur- und Medienmanagement an der HfMT Hamburg. Das mache ich als Fernstudium, um zeitlich und örtlich flexibel zu sein. Denn Ende 2017 habe ich einen Autorenvertrag bei der BMG Music Publishing unterschrieben.

Wie entwickeln Sie Ihre Songs?
Oftmals bereite ich meine Ideen in Form einer Vorproduktion vor. Das bedeutet, dass ich den Beat andeute, passende Sounds suche, Synthesizer arrangiere und den Gesang aufnehme. Im nächsten Schritt entwickle ich die Ideen mit meinen Produzenten weiter. Ich bin Perfektionistin, was nerven kann, aber oft die letzten fünf Prozent rausholt.

Was Sie heute singen, lässt sich als Elektro-Pop mit deutschen Texten bezeichnen. Was hat Sie dorthin geführt?
Dass ich auf Deutsch schreibe, verdanke ich meinem Uni-Dozenten Nikko Weidemann, ein fantastischer Songwriter und zudem ein sehr eindrucksvoller, spannender Mensch. Musikalisch haben mich hinsichtlich meines Soloprojektes VLUDE vor allem internationale Künstler geprägt: die neuseeländische Künstlerin Lorde, Banks und Dua Lipa sowie Künstler aus dem Rap und R‘n‘B-Bereich wie Post Malone und Drake. Mich reizt die Schnittstelle dieser Genres.

Sie haben mehrere Singles bei Warner veröffentlicht, ein Video in Tokio gedreht. Steht ein Album an?
Aktuell konzentriere ich mich auf einzelne Songs. Meine aktuelle Single „Cola Korn“ ist eine Liebeserklärung an meine Heimat. Eine Hymne für alle Dorfkinder und diejenigen, die es im Herzen immer bleiben werden, auch wenn sie mittlerweile woanders wohnen. Ich komme ja ursprünglich aus Deutsch Evern und freue mich, dass wir das Video zum Song genau dort gedreht haben. Einen krasseren Gegensatz zum Video, das mitten in Tokio gedreht wurde, hätten wir nicht finden können.

Sie nennen sich Vlude, sprich Flut, wie kamen Sie darauf?
Mir war klar, dass ich für das Projekt nicht meinen bürgerlichen Namen verwende, sondern einen abstrakten Begriff. Mein Element ist das Wasser. Da sich in meinen Songs ruhige Parts und massive elektronische Beats abwechseln, hatte ich recht schnell den Begriff „Flut“ im Kopf. Um einen Namen zu haben, der für sich steht, habe ich die Schreibweise in VLUDE geändert.

Wegen Corona herrscht allüberall künstlerisch Ebbe. Wie wirkt sich das auf Ihren Weg aus?
Konkret bedeutet der Ausfall sämtlicher Konzerte für viele Künstler und ihre Crew das Wegbrechen der wichtigsten Einkommensquelle. Es wird kleine Clubs geben, die diese Zeit nicht überstehen können – diese sind für mich als Newcomer wichtige Locations für die ersten Konzerte und Solo-Tourneen. Wie soll man sich als Musiker sein Publikum erspielen, wenn es keine Bühnen mehr für junge, aufstrebenden Bands gibt?

Was macht Ihnen zurzeit Mut?
Die Antwort klingt simpel: Musik machen. Die Songs, die ich schreibe. Mich kreativ austoben, auf neuen Ideen herumdenken. Weniger zu reisen birgt auch den Vorteil, dass ich meine Heimat mal wieder genießen kann und sehr viel fokussierter arbeite. Es liegt nicht in meiner Natur, mich von Komplikationen nachhaltig unterkriegen zu lassen. Ich suche nach dem Positiven in der Situation. Am Ende sitzen alle im selben Boot – also werden wir es schon irgendwie schaukeln..

Von Hans-Martin Koch