Stefan Gwidis wärmt mit Charme, Ironie und viel Soul einen frischen Sommerabend auf. Foto: t&w

Are you ready, Sülzwiese?

Lüneburg. Der Mann weiß, was seine Gemeinde will. Stefan Gwildis zählt nun 61 Jahre, seit 2003 hat er dem Soul deutsche Texte gegeben, Klassikern seinen Stempel aufgedrückt. Seine Stimme ist nicht zu verwechseln, sein Humor und seine Ironie sind es auch nicht. Es mögen 300 Menschen gewesen sein, eigentlich zu wenige, die auf den Sülz-wiesen zwei Stunden Musik für Herz und Füße bekommen. Nur: Tanzen ist nicht. Mitsingen schon – der Aerosol-Flug-Abstand ist ja hoffentlich gewahrt.

Band pendelt famos zwischen Funk, Rock und Jazz

Mit fetter Band tritt der Hamburger Sänger auf, Bläsersatz inklusive. Nur der Backgroundgesang fehlt, da stand lange Jahre die vor wenigen Monaten gestorbene Regy Clasen. Gwildis’ Stimme, das wird schon spürbar, nähert sich mit den Jahren langsam dem Cocker-Verschleiß-Syndrom. Anders gesagt: Technik ist gefragt, wo die Höhen nicht mehr so kommen wollen. Das klappt super. Noch etwas kennzeichnet Gwildis’ markanten Gesang: Oft dehnt er die stimmhaften Konsonanten, wo andere den Vokal ausnutzen würden.

Natürlich gibt Gwildis wie stets ein wenig den Reverend. Er fragt nicht nur: „Are you ready, Sülzwiese?“, das Wort hat es ihm angetan, er spricht sein Publikum wiederholt mit „brothers and sisters“ an. Die Sonne kratzt derweil die Wolken vom Himmel, die Temperatur sinkt. „Wie gemütlich könntet ihr zu Hause sitzen, ‚Weingut Wader‘ gucken“, witzelt Gwildis. Aber sein Programm ist weit süffiger als schaler Fernsehwein. Der Mann von der Elbe und seine zwischen Funk, Rock und Jazz famos pendelnde Band mischen Hits aus gecovertem Repertoire mit eigenen Songs wie „Schiffe gucken“, „Nö“ oder „Schnauze halten“.

Den im Wind verrauschenden Gesang des Publikums belobigt – belustigt – Gwildis, alle besingen auch mal Arne und Sven aus der ersten Reihe. Steffi aus der Pfalz, die Gwildis hinterherreist, bekommt vom Reverend sogar eine Einladung zum Konzert in der Elphi. Als ein Martinshorn vorbeirauscht, blödelt Gwildis, dass sie jetzt mal schnell weg müssen, und als die Michaelis-Glocke schlägt, baut er das sofort in eine gerade laufende abstruse Geschichte ein. Gwildis mag Spontanes, er war viele Jahre als Comedian unterwegs. Der steckt nun mal in ihm. Beim Plädoyer gegen den keimenden Hass im Land zeigt er seine ernste Seite und auch beim Dank an die Helfer für Geflüchtete und die in Corona-Zeit.

Heinz-Erhardt-Vertonung

Das Publikum will mehr Musik. Gwildis liefert. Die Heinz-Erhardt-Vertonung „Der Einsame“ ist dran. „Schön schön schön“ nach Aretha Franklins „Chain Of Fools“ folgt; wie immer zeigt er auch hier keine Scheu vor Interpreten, an deren Klasse er denn doch nicht ganz herankommt. Trotzdem geht dank Charme und Respekt vor dem Original sein Konzept auf, allemal bei seiner starken Eindeutschung von „Papa Was A Rolling Stone“ in „Papa will hier nicht mehr wohnen“. Das Stasi-Stück.

Die Band bekommt Raum, die Dramaturgie stimmt, am Ende cockert es gewaltig. Gwildis covert Songs, die schon Cocker coverte. Randy Newmans „You Can Leave Your Hat On“ wurde in Gwildis’ frühen Soultagen zu „Lass ma’ ruhig den Hut auf“. Zum Abschied wird aus Billy Prestons Songjuwel „You Are So Beautiful“ etwas, das für tiefe Liebe steht, aber auch für diesen Abend gelten darf: „Du bist so wundervoll“. Hat Spaß gemacht, Reverend, der „Sommer in der City“ bei knackigen 13 Grad. Am 19. Februar soult es wieder in Lüneburg, dann mit Streichquartett – „are you ready, Kulturforum?“

Von Hans-Martin Koch