Der Pianist Joachim Goerke (rechts) legt ein Doppelalbum mit eigenen Werken vor. Klaus Stehr, Spezialist für das Plattdüütsche, hat gleich zwei eigenständige CDs veröffentlicht. (Fotos: ff/privat)

Doppelt gespielt hält besser

Lüneburg. Die selbst geschriebenen Noten stapelten sich und würde sich wohl weiter stapeln, aber dann hatte Joachim Goerke plötzlich Zeit – „ein kleines Geschenk von Corona“, sagt der Sänger, Komponist, Pianist und Veranstalter. An die Stelle von Konzerten und solcher Termine wie das Circle-Singing in der Pauluskirche traten freie Spielräume. Die nutzte Joachim Goerke in einem kleinen Wohnzimmer-Studio, in dem vor allem ein Flügel steht. Das Ergebnis ist ein Doppelalbum im eigenen Label „sajema“; Titel: Der Himmel in Dir/Seelenflügel“.

Gesang erweitert den Konzertflügel

Zwei Mal Piano solo also, aber auf der einen CD erklingt auch Joachim Goerkes Stimme – nicht für einen Song, der Gesang transportiert keinen Text, sondern dient als – oft improvisierte – Unterstützung und Erweiterung des Klaviers. Diese Technik kommt nicht in allen Stücken zum Tragen, bildet dann aber doch ein eigenes – und eigenwilliges – Genre. Also hat sich Joachim Goerke, um da nichts durcheinanderzubringen, für ein Album mit zwei Tonträgern mit zehn beziehungsweise zwölf Titeln entschieden. Beide CDs enden mit dem Stück „Farewell“ in einem Zehnachtel-Takt, was die verwendeten Harmonien in einem recht ungewöhnlichen Rahmen präsentiert.

Trotzdem: „Je älter ich werde, desto minimalistischer werde ich“, sagt Joachim Goerke – ein Phänomen, das viele Musiker und auch bildende Künstler kennen. Kein Tastendonner, keine Virtuosität um ihrer selbst Willen, sondern eher das Herantasten an die richtige Form. „Die Stücke sind nicht so verspielt wie früher“, so Goerke, der hier, was die Dimensionen betrifft, von einem „goldenen Schnitt“ spricht. Auch das Cover ist reduziert: das Schwarzweißfoto einer eigentlich knallroten Blüte. Handwerkliche Vielfalt, Souveränität im Einsatz, gleichzeitig der Versuch, durch assoziationsreiche Musik die Seele des Zuhörers zu erreichen, darum geht es. Der verwendete Konzertflügel ist übrigens nicht lackiert. Aber ob man das hört? „Das liegt wohl im homöopatischen Bereich.“

Das Doppelalbum ist ein Nachfolge- Werk der CD „Danke Thanks“, immerhin, Joachim Goerke hat nachgezählt, „das sechsundzwanzigste seiner Art, zuzüglich zweier LPs und mehrerer MCs – aber das ist lange her!“

Manchmal müssen es eben zwei CDs gleichzeitig ein. Das hat auch der Reppenstedter Sänger, Texter, Instrumentalist und Komponist Klaus Stehr erlebt, der sich hauptsächlich niederdeutschen Liedern widmet. „Mehr liesen as luut...“ eher leise als laut also, das ist der Titel des ersten Albums in „...egen Töön vun Klaus Stehr“. Zweitens: „Twee Welten in de Mööt – vun un mit Schrieversmann Ekhard Ninnemann un Muskant Klaus Stehr“. Da sind also auch rezitierte Texte mit im Spiel.

Stehr, 1954 in Bremerhaven geboren, war Zeit seines Lebens mit Gitarren, Banjos und anderen Zupfinstrumenten in Dixieland-, Irish-Folk- und Plattdüütsch-Bands aktiv, organisierte im „Alten Uhu“ in Reppenstedt regelmäßig niederdeutsche Abende. Aus dieser Atmosphäre heraus entstanden wohl auch die beiden CDs. Ekhard Ninnemann, der „Schrieversmann“, engagiert sich seit Jahren für Leseförderung und als Autor auch für den Erhalt des Plattdeutschen.

Mehr liesen as luut: Twee Welten in de Mööt

Mit ihren eher auf Nachdenklichkeit und freundlichen Humor als auf Dramatik abzielenden Tonarten passen Stehr und Ninnemann denn auch gut auf ein Album. Da sind Kuno und Penelope kennenzulernen, der Maulwurf und der Schmetterling. Die beiden Wesen und ihre Welten sind denkbar unterschiedlich, und doch schaffen sie es, sich anzufreunden. Anderswo erzählt Ninnemann von dem Mädchen Alina, die ist „wat bang överall in de Welt“, aber sie überwindet ihre Ängstlichkeit. Und das ist Klara – „förwiss de schöönste Kauh von Butenschön“. Leider ist Butenschön mittlerweile ein wenig verloddert, aber Klara hat nicht nur Sinn für die eigene Schönheit, und macht „Kloorschipp“.

Klaus Stehr hat sich für seine naturnahen Lieder, die etwa „Bi`n Lüchttoorn“, „De Nevel“ und „Avends an`e See“ heißen, Verstärkung gesucht, alte Weggefährten vor allem: Magdalene Grüttner, Ernst Poets, Ingo Harms, Ralf Kleemann, Almut Schacht, Henning Hinrichs, Achim Uecker, Resi Kuhnt und Marc Stünkel. Von Banjo bis Schifferklavier ist alles dabei, was dem Ganzen die nötige norddeutsche Tiefebenen- und Küstenstimmung gibt. Dazu kommen Mona Süberling, Amelie Caspers und Simon Braun, die als Kinderstimmen bei dem Lied von „De Granaatfru“ zu hören sind. (Infos: www.klausstehr.de)