Freitag , 30. Oktober 2020
Raimund Wurzwallner-Becker, hier in seinem Bühnensolo „Die Legende vom Ozeanpianisten“, schildert eine für freie Künstler dramatische Situation. Foto: ff

Einnahmen null, absolut null

Lüneburg. Raimund Wurzwallner-Becker wurde sehr direkt: „Wir leben noch, aber wir wissen nicht, wie es weitergeht, wir brauchen Ihre Hilfe, ohne sie werden wir es nicht schaffen.“ Wurzwallner-Becker leitet mit seiner Frau Birgit Becker das Theater zur weiten Welt, eine der freien professionellen Bühnen in Lüneburg. Seinem Hilferuf auf der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses des Stadtrates ging eine Erfahrung voraus: „Wir sehen mit zunehmender Verbitterung, dass alle Fördermaßnahmen an uns vorbeilaufen.“ Dahinter steht das Corona-Los der frei arbeitenden Künstler. „Unsere Einnahmen sind bei null, absolut null.“

Vereine haben bessere Chancen

Tatsächlich laufen Corona-Hilfen für die Kultur an freien Künstlern so gut wie vorbei. Gemeinnützige Vereine, institutionelle Einrichtungen haben bessere Chancen. Hilfe gibt es auch bei Betriebskosten, aber solche haben freie Künstler in der Regel nicht. Viele Fördereinrichtungen und -maßnahmen richten ihre aktuellen Aktivitäten zudem auf strukturerhaltende Maßnahmen, geben zurzeit kein Geld für Projekte. Was aber, wenn erst die Förderung eines Projektes den Erhalt einer Struktur ermöglicht? Wurzwallner-Becker: „Wir bekommen keine institutionelle, laufende Unterstützung. Wir arbeiten mit projektbezogenen Förderungen und mit den Einnahmen, die wir erzielen. Folglich: kein Projekt, kein Geld.“ Auch Einnahmen als Theaterkursleiter sind zurzeit nicht zu erwirtschaften.

Auf Bundesebene wird unterschiedlich verfahren. Oberbürgermeister Ulrich Mädge verwies auf Bayern und Hamburg, die Hilfen für freie Künstler bieten. In Niedersachsen gibt es nichts Vergleichbares. Mädge, auch Präsident des Niedersächsischen Städtetags: „Wir laufen seit März zu jedem Abgeordneten und sagen, ihr könnt nicht nur bei Betriebskosten helfen.“

Was bleibt davon?

In einem Brief an die Abgeordneten listet Wurzwallner-Becker auf, was aus Sicht der freien Theater – und generell der freien Künstler – hilfreich wäre. Einige Kommunen, laut Wurzwallner-Becker auch niedersächsische, geben den Freischaffenden aus eigenen Mitteln Hilfen und rechnen in ihre Programme einen Posten ein, der Lebenskosten berücksichtigt. Von einem „fiktiven Unternehmerlohn“ in Höhe von 1080 bis 1200 Euro werde ausgegangen, heißt es in dem Schreiben, das weitere freie Theatermacher unterschrieben.

Ein weiterer Punkt: Sollte ab September wieder – mit Corona-Abstand – gespielt werden dürfen, würden bei entsprechend geringer Zuschauerzahl die Einnahmen schrumpfen. Das Theater zur weiten Welt spielt im Theatersaal der Kulturbäckerei. Der Saal hat 90 Plätze. Was bleibt davon? Kristin Halm, Projektmanagerin der KulturBäckerei: „Wir haben das mal ausgerechnet, wir könnten etwa 30 Plätze belegen.“

Die Stadt lädt zum Krisengespräch

Wurzwallner-Becker nennt einen Vorschlag des Landesverbandes Freier Theater, eine Ticketprämie. Sie soll so funktionieren: Hat eine Veranstaltung die maximal erlaubte Zuschauerzahl erreicht, wird der so erzielte Umsatz durch den Zuschussgeber in selbiger Höhe verdoppelt.

Die Stadt Lüneburg will nicht untätig bleiben. Sie lädt die frei arbeitenden Kulturschaffenden zu einem Krisengespräch ein am Dienstag, 21. Juli, um 18 Uhr im Glockenhaus. In der Einladung heißt es, die Stadt wolle die betroffenen Künstler „bei der Bewältigung der Folgen der Corona-Krise nicht allein lassen“ und sie „im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Mittel und Wege gerne bestmöglich unterstützen“.

Von Hans-Martin Koch