Sonntag , 27. September 2020
Konstantin Wecker singt aus seinem Leben, begleitet sich selbst am Flügel. Foto: t&w

Der ewige Rebell

Lüneburg. Gut sieht er aus, der Konstantin Wecker, braungebrannt und frisch, wie er auf die Bühne des Kultursommers kommt. Gut ist seine Stimme in Schuss, nichts hat sie verloren an Leidenschaft und Pathos. Wecker, der Pazifist und Anarchist oder wie er sagt, „ein Träumer, ein Spinner“, hat sich seinen Kampfgeist bewahrt, und der Willy ist auch dabei.

„Willy“, das ist sein berühmtestes Lied. 1977 sang Wecker vom Willy, den glatzköpfige Faschisten erschlugen. „Freiheit hoaßt koa Angst habn, vor neamands“, hatte Wecker den Willy sagen lassen. Der Satz zieht sich durchs Leben des heute 73-jährigen Liedermachers. Mit „Willy 2020“ führt er Gespräche, zeigt er auf den Sumpf, der vom rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft drängt. „Wir müssen aufpassen, Willy. Höllisch aufpassen“, sagt Wecker.

Um die 300 Besucher mögen gekommen sein, vor allem der Bereich vor der Bühne ist recht gut gefüllt. Wer seinen Stuhl verstellt, wird freundlich auf den Abstandszwang hingewiesen, und auch aufs Maskentragen wird geachtet, sobald jemand seinen Platz verlässt. Das ist von den Veranstaltern gut organisiert. So einen Kultursommer wie in Lüneburg gibt es andernorts wohl kaum. Die Sülzwiesen eignen sich zudem ideal für überschaubare Open-Air-Veranstaltungen. Das dürfte, so es die Anwohner nicht vergrätzt, gern Zukunft haben.

Vorlauf war extrem kurz

Endlich wieder Live-Kultur, endlich wieder Konzerte! Der Kultursommer wurde in sehr kurzer Zeit auf die Wiese gestellt. Das wirkt sich nicht gerade zu Gunsten der Veranstalter aus. Nicht wenige Menschen mögen nach wie vor erhöhte Corona-Vorsicht walten lassen und sich noch nicht zu den Bühnen wagen. Vor allem aber war der Vorlauf extrem kurz, die ersten Konzerte laufen, bevor sich das Projekt in den Köpfen festgesetzt hat. Zu Wecker wie zuvor zu Mia und Nite Club hätten mehr Besucher kommen dürfen. Sicher, die Karten kosten einiges, aber der Aufwand ist eben auch hoch.

Konstantin Wecker führt am Bechstein-Flügel, den er perfekt beherrscht, über zwei Stunden durch sein Leben, seine Poesie, seine Lieder. Er lässt Peinlichkeiten wie den bodenlangen Pelz nicht aus und schwierige Zeiten nicht wie die Kokain-Jahre. Er präsentiert sich als der ewige Rebell und legt los mit einem politischen, nicht besonders differenzierten Rundumschlag samt plakativen, aber auf Problemkerne verweisende Schlagworte wie „Öffnet die Luxushotels für Geflüchtete!“ Die Haltung des Pazifisten und Kämpfers für „Solidarität von unten“ zieht sich durch den Abend wie seine Liebe zur Poesie, von Eichendorff zu Brecht und vor allem zu Rilke. „Zwischen Zärtlichkeit und Wut tut das Leben richtig gut“, singt Wecker. Da ist er zu Haus.

Miss Allie auf der Bühne

Gäste hat er mitgebracht. Mit der Singer/Songwriterin und promovierten Psychologin Sarah Straub tritt er häufiger auf. Sie hat ein Album mit Wecker-Liedern aufgenommen, das Duo ergänzt sich sehr gefühlvoll. Für einen Song kommt Miss Allie auf die Bühne. Die Lüneburger Liedermacherin singt, begleitet von Wecker, „Gelernt ham’ wir nicht viel“ und baut clever ein bisschen Wecker ein: „Genug ist nicht genug“. Am 7. August kommt Miss Allie zum Solo-Abend auf die Sülz­wiesen.

Es bleibt aber in jedem Moment der Abend des Konstantin Wecker. Er liebt den Widerspruch – und lebt widersprüchlich wie fast alle Moralträger. Wecker demonstriert für „Fridays for Future“ und fliegt mit der Lufthansa aus Italien ein. In der Toskana besitzt der Rebell und Genussmensch zwei Häuser, mietbar ab 850 Euro die Woche. Es ist okay. „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“, singt Wecker und weiter: „An Genuss bekommt man nämlich nie zuviel, nur man darf nicht träge sein und darf nicht ruh’n.“

Von Hans-Martin Koch

Beatrice Egli ist in ihrem Element. Foto: t&w

Was für ein Kontrast am Sonnabend: heile Welt pur und per Halb-Playback. Es regnet, die Besucherzahl kratzt wohl so die 200. Was soll’s?! Auf die Bühne springt Beatrice Egli, Glitzertop, freier Bauch. Sie ist durch und durch Schlagerprofi und auf gute Laune getrimmt. Schon fliegen die Arme unter den Regenumhängen hervor in die Höhe und lautet das Motto „Le Li La – leben, lieben, lachen – lass das Leben krachen“. Die Schweizerin hat schon einen „Wellness für die Seele“-Award gewonnen. Sie weiß, wie‘s geht.

Vor ihr tritt Jonny vom Dahl auf. Auch der Neu-Lüneburger steht für sommerliche Musik, begleitet sich an der Gitarre. Er sorgt für Charme, zurückhaltend, singt von seiner „Regenkönigin“ und vom „Frühling an der Nordseeküste“. Er weiß, wie‘s gehen soll.

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