Donnerstag , 29. Oktober 2020
Bis Ende August sind Werke des Malers Herbert Kessler in der KulturBäckerei zu sehen. (Foto: t&w)

Region und Weltbühne

Lüneburg. Es kann ja eigentlich nicht zu viel Kunst geben, aber doch gibt es zu viele Bilder. Von dem, was Malerinnen und Maler Tag um Tag produzieren, findet nun mal nur ein ganz kleiner Teil den Weg zum Käufer. Über die Jahre sammeln sich so hunderte Bilder in den Ateliers, lagern in Kellern und auf Böden. Bei gar nicht wenigen Künstlern steigt die Zahl der Werke ins Vierstellige. Das ist mehr noch als für die Künstler ein Problem der Erben. Verkaufen? Wohin? Bewahren? Wie und wo? Container? Bitter! Kunstarchive bemühen sich, wenigstens Kernwerke zu erhalten. Das Kunstarchiv in Neuhaus steht dafür – und zeigt nun in der KulturBäckerei so etwas wie seine Top Ten.

2012 gründete die Sparkassenstiftung Lüneburg das Kunstarchiv in Räumen, die an die Sparkassenfiliale Neuhaus andocken. Die Sammlung versteht sich als Kunstgedächtnis der Region und wächst gewaltig. Schon droht das Kunstarchiv aus allen Fugen zu platzen. Auf der Homepage der Sparkassenstiftung ist noch von 4000 bewahrten Werken die Rede. Auf der kürzlich online gegangenen Seite www.kunstarchiv-lueneburg.de ist die Zahl schon auf 6000 gestiegen. Tatsächlich sind aus Platzmangel Teile des Kunstarchivs mittlerweile in Lüneburg untergebracht. Die Raumfrage bleibt relevant, zumal sich die Sammlung auch thematisch weiter erstreckt – auf Tonträger, Lebenszeugnisse und auf alle Formen von Kunst rund um die Heide.

Nachlässe, Vorlässe – ein wahres Paradies für Forscher

Die Bandbreite des Bewahrten reicht von einzelnen Werken über Werkkomplexe bis zum Gesamtwerk wie von der Werkstatt Rixdorfer Drucke. Manches ist Nachlass, anderes Vorlass, sprich: Künstler regeln zu Lebzeiten die Zukunft ihres Werks. Genau daran hapert es oft. Wer mag schon sagen und festlegen, was wirklich wichtig ist? Nur wenige Künstler listen zudem ihr Schaffen auf. Es lebt und malt sich nun mal leichter nach dem Satz eines französischen Philosophen: „Die Zukunft beunruhigt sie wenig: Nach ihnen die Sintflut.“

Wichtig ist den Betreibern des Kunstarchivs Neuhaus, kein totes Zentrum des Bewahrens zu sein. Das Kunstarchiv steht der Forschung offen. In einer eigenen Edition sind bisher elf Künstlerkataloge erschienen. Galerien und Museen leihen Werke aus, und das Kunstarchiv sorgt mit eigenen Ausstellungen für Aufmerksamkeit. Jetzt doppelt: Im Artrium der KulturBäckerei sind – wie berichtet – Werke von Herbert Kessler zu sehen. Und in der Kunsthalle werden unter dem Titel „XChange“ zehn Künstler vorgestellt. Zehn der Wichtigsten, die Auswahl könnte anders sein, zum Beispiel Jean Leppien und Ralf Peters berücksichtigen. Aber jede Auswahl, für die hier Kurator Enno Wallis steht, muss Grenzen ziehen.

„XChange“ in der Kunsthalle präsentiert zehn Künstler

Wer ist dabei? Ein „Appetizer“-Anriss in Brutalverkürzung: Die Mythenschöpferin Franek, Jörg Immendorff samt seines Maleraffen. Manfred Besser mit seinen Hamburger Hafenstücken, Annegret Soltau mit ihren vernäht-verletzten Selbstporträts. Bernd Uhdes rätselhaft schön und plastisch wirkende Landschaft-Vertikal-Fotos und Nachkriegs-Abstraktionspionier Gerhard Fietz. Irritiationsmeisterin Justine Otto im Cowboyland und Karin Marquardts Intuition- und Systematikverbindung. Anton Brörings vielbödige Objektkunst und die so provozierende wie lustvolle Letterkunst der Werkstatt Rixdorfer Drucke.

Von allen Genannten ist mehr als das hier Verschlagwortete zu sehen. Der Besuch der Ausstellung gleicht einer Wanderung durch die zeitgenössische Kunst. Kurator Enno Wallis lässt bei aller Knappheit, zu der eine Sammelausstellung zwingt, mehr als eine Facette der Künstler wirksam werden.

Zu der Ausstellung erschien eine Broschüre. Denn „XChange“ soll, so Kurator Wallis und Projektleiterin Kristin Halm, auf Reisen gehen. Teile waren bereits in Tartu zu sehen, einen geplanten Trip nach Scunthorpe killte Corona. Aber weitere Ziele stehen bevor, zuerst wohl Bad Homburg. Es schwingt in begleitenden Worten der Sparkassenstiftung ein wenig Stolz mit, wenn sie mit ihrer Sammlung zeigen will, „dass sich das Regionale und die Weltbühne der Kunst nicht im Weg stehen müssen“.

Bis zum 30. August bleibt die Kunst zu Haus, „XChange“ wird zeitgleich mit der treppauf laufenden Herbert-Kessler-Ausstellung enden.

Von Hans-Martin Koch