Mittwoch , 12. August 2020
Gitarrist Peer Frenzke in seinem Petersbergstudio: Mit Benni Klein und Timm Markgraf arbeitet er für ein groß angelegtes Projekt, um Künstlern in Not zu helfen. (Foto: t&w) Musikerhilfsaktion bei Peer Frenzke

Viral gegen das Virus

Lüneburg. Benni Klein baute in Hannover eine Plattform für die Selbstvermarktung von Künstlern auf. Dann kam Corona. Timm Markgraf ist in Vögelsen freischaffender Künstler in Sachen Film und Musik. Die Aufträge brechen weg. Der 36- und der 33-Jährige kennen sich aus dem Sandkasten, und jetzt wollen sie nicht jammern, sondern klotzen. Sie starteten bei startnext ein Crowdfunding für Künstler in Not. Sammelziel: zehn Millionen Euro. „Die Zahl ist ein Ideal, ein Richtwert“, sagt Markgraf.

Die Idee fand Fürsprecher. Auf der Homepage www.coronakuenstlerhilfe.de kommen sie zu Wort: Moderator und Musiker Klaas Heufer-Umlauf und Schauspieler Samuel Koch gehören dazu, aus der Region Miss Allie und Produzent Peter Hoffmann. Hinzu kam eine Organisation, ein Bindeglied zwischen den Spenden und den Künstlern, die durch die Maschen der bestehenden Coronahilfen fallen. Hier kommt Peer Frenzke aus Deutsch Evern ins Spiel.

Der Musiker und Pädagoge hat in Lüneburg die 1st Class Session zu einem Markenzeichen für starke Live-Konzerte ins Leben gerufen und hält sie auf Fahrt. Frenzke kennt eine Fülle von frei arbeitenden Musikern, die zurzeit ihre Reserven aufzehren – so sie denn welche haben. Für das Verwalten und Weiterleiten der Coronakünstlerhilfe-Spenden gründete Peer Frenzke den Verein: „1st Class Session – Artist Support“. Zu den Mitgründern zählen unter anderem Rainer Scheithauer, Keyboarder bei Herbert Grönemeyer und von der Leuphana Prof. Dr. Michael Ahlers und Dr. Dirk Zuther.

Kreativwirtschaft – eine der dynamischsten Branchen

Alles ist durchdacht. Hilfe gehen soll an Künstler, die drei Kriterien erfüllen: Sie müssen nicht, aber sollten in der Künstlersozialkasse sein. Ihr maximaler Jahresumsatz darf 25 000 Euro betragen. Sie bekommen keine finanzielle Unterstützung durch Bund und Land.

Welchen Umfang das Problem der freien Künstler besitzt, lässt sich an Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums ablesen: Es zählt die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige der Weltwirtschaft. Ihr Beitrag zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung in Deutschland übertreffe in Sachen Wertschöpfung andere wichtige Branchen wie die chemische Industrie, die Energieversorger oder die Finanzdienstleister. Nur: Die Corona-Hilfe, so sehen es Klein, Markgraf und Frenzke, für die freien Künstler tröpfelt.

Was der Coronakünstlerhilfe fehlt, ist die Breite, die Reichweite, das Wunschziel liegt noch in weiter Ferne, die Spenden befinden sich erst im vierstelligen Bereich. Benni Klein: „Wir stecken kein Geld in Marketing, wir bauen auf die virale Wirkung.“ Sprich, aufs Prinzip Schneeball, wie es durch Teilen und Liken bei den Netzwerken geschieht – Instagram, Facebook… Da aber zum Beispiel Promi Heufer-Umlauf sein Statement auf seinen Netzwerk-Accounts nicht geteilt hat, erfahren zum Beispiel seine 419 000 Instagram-Abonnenten nichts von der guten Sache.

Immerhin: Der NDR strahlte einen Beitrag auf „Hallo Niedersachsen“ aus, und bis zum 12. August ist ja auch noch Zeit. Die Hoffnung: Ein Großsponsor steigt ein, ein Top-Star trommelt mit. „Der Schrei ist groß, aber dann herrscht Stille“, sagt Peer Frenzke mit Blick auf Künstler, die über das Wehklagen nicht hinauskommen. „Man darf sich nicht verstecken, man muss trommeln, sonst passiert nichts.“

Damit was passiert, haben Klein, Markgraf, Frenzke und Co. mit technischer Unterstützung von Amphire ein Konzert aufgezeichnet: mit Nathalie Dorra aus dem Lindenberg-Tross, Cosmo Klein und Jonny vom Dahl. Das Konzert wird in Kürze auf Sendung gehen – gegen Eintritt. Musik hören, Kunst sehen, Theater erleben, es muss den Menschen etwas wert sein.

Von Hans-Martin Koch