Samstag , 31. Oktober 2020
Transparenz und Licht prägen Herbert Kesslers Arbeiten. Foto: t&w

Stadt, Land, Himmel

Lüneburg. Gut 30 Jahre prägte Herbert Kessler das Bild der Stadt. Seine Lüneburg-Bilder wurden zum häufigsten Hingucker in Räumen des Repräsentierens. Die von Kessler gemalte Silhouette der Stadt, ihre Giebel und Kirchen unter weitem Himmel, sie empfangen nach wie vor vielerorts den Besucher. Trotzdem geriet Kessler nach seinem Tod 2004 schnell ins Vergessen. Jetzt erinnert bis 30. August im Artrium der Kulturbäckerei ein recht repräsentativer Schnitt durch Kesslers Schaffen an den Künstler, der „nicht aufrütteln, nicht belehren“ wollte.

Der 1934 in Schwäbisch Gmünd geborene Maler und Grafiker kam 1967 nach Lüneburg, als Professor für Kunst und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule. Der ernst, nachdenklich, durchaus statusbewusst auftretende und oft etwas unnahbar wirkende Künstler prägte fortan weite Teile der lokalen Kunstszene.

Der Künstler Kessler, der unter anderem bei Gerhard Fietz in Berlin studiert hatte, verstand sich als Landschaftsmaler, so wurde ihm Lüneburg zur Stadtlandschaft. Die Grundstimmung seiner Bilder, so Kessler 1998, heiße „Lebensfreude und harte Arbeit“. Farbe und Licht stehen für die Freude, der lange Prozess zum Bild für die Arbeit. Zur Mühe zählt, den Ausdruck zu finden, um äußeren und inneren Stimmungen Raum zu geben, um über das bloße Thema hinaus zu gelangen. Kessler ging es auch um so etwas wie Vergeistigung – die Himmelslandschaften sind noch wichtiger als die von Stadt und Land.

Eine Stadt löst sich auf

Lüneburg ist Kessler ein wohlfeiler, attraktiver Bildanlass, das macht die Ausstellung sichtbar. Die Stadt, aus der Nähe oder der Ferne betrachtet, befindet sich in Kesslers Öl-Tempera-Bildern und Pastellen mehr oder weniger in Auflösung. Weiter ging er noch in Landschaftsbildern, die sich nicht verorten lassen, sondern endgültig nur auf Sphäre und Atmosphäre setzen.

Herbert Kessler hat es immer geärgert, wenn seine Bilder das Attribut „wie Feininger“ angehängt bekamen. Feiningers transparente Schichtungen von Formen und Farben standen Kessler durchaus nah. Aber wichtiger sei ihm zum Beispiel Robert Delaunays Intensität im Umgang mit sich auflösenden Formen, mit Licht und Farbe gewesen. Auch für Kesslers liebevolle, traditionsverhaftete Grafik ist ein Beispiel im Artrium zu sehen. Aber sie spielt tatsächlich nur eine kleine, vielleicht zu kurz gekommene Rolle im Gesamtwerk.

Stiftung gegründet, um Werk zu erhalten

Nach seiner Emeritierung zog Herbert Kessler nach Carqueiranne im Süden Frankreichs. Bei seinen Lüneburg-Besuchen wirkte er gelöst, locker, wie befreit. Noch in seiner Lüneburger Zeit hatte er eine Stiftung gegründet, um sein Werk zu erhalten. Daran aber zeigten seine Erben kein großes Interesse, die Stiftung wurde aufgelöst. Das Kunstarchiv der Sparkassenstiftung bewahrt ein sonst ins Nirgendwo zerstreute Kernwerk und schöpft daraus für diese Ausstellung.

Ebenfalls bis 30. August wird in der KulturBäckerei „XChange“ gezeigt, eine Ausstellung aus dem Kunstarchiv der Sparkassenstiftung mit Werken von zehn mit der Region verbundenen Künstlern. Ein Bericht folgt.

Von Hans-Martin Koch