Montag , 26. Oktober 2020
Die globale Welt im Klimabrand? Ein Beitrag von Elena Gavrisch zur aktuellen Kunstraum-Ausstellung. (Foto: oc)

Wer fragt, gewinnt

Tosterglope. Beim Betreten der Diele stellt sich schnell die abgewandelte Kalauer-Frage: Ist das Kunst oder hängt das immer hier? Diese drei Fotos an der Wand, haben sie einen Bezug zur Geschichte der Bewohner? Das Schaf? Diese futuristische DDR-Betonschale für den Strandwächter? Diese junge Frau, die so fordernd – oder skeptisch – auf den Betrachter schaut? Schon ist der Besucher drin in der Ausstellung „Poesie der Auflösung“, die jetzt im Kunstraum Tosterglope, Im Alten Dorfe 7, lauter Fragen stellt und keine Antworten geben will.

Mikrokosmos und Makrokosmos

Drei Berliner sind zu Gast im grünen Idyll, fern der großen Stadt. Mag eine Dorfgesellschaft ursprünglich für Geschlossenheit, Heimat und Zusammenhalt stehen, für einen Mikrokosmos im Guten wie im Gefährlichen, so verkörpern Elena Gavrisch (geboren 1982), Thomas Keller (geboren 1970) und Sladjan Nedeljkovic (geboren 1969) die globalisierte, entgrenzte Welt, den Makrokosmos. Elena Gavrisch stammt aus Russland, studierte in London, teilt sich aktuell ein Atelier mit Sladjan Nedeljkovic. Er kam aus Serbien zum Studieren in die Schweiz, lernte dort Thomas Keller kennen – und nun leben sie alle im Künstlertiegel Berlin.

Die Fotos auf der Diele stammen von Keller. Es gibt neben einer Porträtreihe weitere Beispiele in der Ausstellung, die für Irritation sorgen können: Die beiden Gipfelbilder in einem Gästezimmer: Sind sie einfach nur Deko oder ein Spiegel von Erinnerung oder von Fernweh?

Bei Elena Gavrisch bekommt das Vertraute gern einen Dreh ins Irrationale und das ganz konkret. Ein Besen auf der Diele, das ist ja etwas ganz Normales, aber bei diesem dreht der Stiel wortwörtlich ab. Oder im Hauptraum auf der Fensterbank: Da hat jemand ein Wasserglas und einen Stift vergessen. Nur liegt der Wasserspiegel schräg im Glas, ist der Stift in eine Kurve geschwungen. Gavrisch arbeitet im Kleinen und Großen mit dem Raum, erweitert, verändert ihn, fügt ihm etwas hinzu. Sie will zeigen, dass es da etwas außerhalb unserer Vorstellungswelt gibt, etwas nicht Begreifliches.

Irritation und Verfremdung sind ebenfalls Thema bei Sladjan Nedeljkovic. Noch einmal die Diele. Dort steht auch eine Leiter, was ja wie der Besen und ein paar Fotos dorthin gehören könnte. Doch diese weiße Leiter ist ein luftgespinstiges Gebilde aus Zeitungspapier, und nie wird jemand wagen, die Sprossen zu betreten.

Zeitungstext wird abgedeckt

Zeitungspapier ist ein Material, mit dem Nedeljkovic oft arbeitet. Er lässt auf einzelnen Zeitungsseiten die Fotos stehen, deckt allen Text mit Silberspray ab, schafft so ein anderes, fragendes Narrativ. Und dann hat er in den Hauptraum einen zum Fenster strebenden Haufen geschredderter Papierbänder aufgetürmt. Da ist das Thema „Poesie der Auflösung“ mit den Händen zu greifen. Aufgelöst ist die Gedankenwelt wie das Material, auf dem sie manifestiert erschien.

Vieles wirkt unscheinbar in dieser Ausstellung. Wer das, was zu sehen ist, befragt und diskutiert, gewinnt. Die „Poesie der Auflösung“ öffnet bis zum 19. Juli sonnabends und sonntags von 14 bis 18 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung: 05851/1291.

Von Hans-Martin Koch