Freitag , 30. Oktober 2020
John von Düffel, diesjähriger Heine-Gastdozent, hat sein Programm den Corona-Regeln angepasst. (Foto: privat)

Am Ende der Komfortzone

Lüneburg. Was stattfindet, braucht ein Konzept, und das will gefunden sein. Lange tüftelte Kerstin Fischer, Geschäftsführerin des Literaturbüros, daran, ob und wie sie die Gastdozentur des Heinrich-Heine-Hauses in diesem Jahr gestalten kann. Lange vor Corona stand John von Düffel als zwölfter Preisträger fest und auch der Termin: 25./26. Juni.

Die Gastdozentur ist neben dem Stipendium und der Ehrengast-Ernennung die dritte Lüneburger Auszeichnung im Namen Heinrich Heines. Seit 2009 kooperieren Literaturbüro und Leuphana bei der Gastdozentur. Sie umfasst ein (Kompakt-)Seminar und eine öffentliche Lesung. Die Reihe der bisherigen Preisträger ist eine Art Best-of der deutschen Gegenwartsliteratur: 2019 kam Helene Hegemann, vor ihr dozierten, diskutierten und lasen Peter Stamm, Antje Rávic Strubel, Abbas Khider, Saša Stanišić, Jenny Erpenbeck, Ursula Krechel, Feridun Zaimoglu, Ingo Schulze, Juli Zeh und Uwe Timm.

Jüngstes Werk „Der brennende See“

John von Düffel, 1966 in Göttingen geboren, arbeitet als Autor, als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und als Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Er promovierte 1989 über „Intentionalität als Absichtlichkeit. Erkenntnistheoretische Untersuchungen im Rahmen eines einheitlichen Grundverständnisses von Subjektivität“. Er schreibt Romane und Bühnentexte vom „Schuh des Manitu“ bis Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“.

Sein jüngster Roman „Der brennende See“ (Dumont) führt eine junge Frau in die Stadt ihrer Kindheit. Es gilt, die Wohnung ihres gestorbenen Vaters aufzulösen. Hannah, die Unangepasste, ist mürrisch, will schnell wieder weg und taucht doch in das immer rätselhaftere Leben ihres Vaters ein. Auslöser ist das Foto einer jungen Frau, das sie in einer Nachttischschublade findet.

Es ist natürlich auch die eigene Geschichte, in die Hannah nolens volens stößt. Sie wird von ihrer engen, mittlerweile ihr fremden Jugendfreundin Vivien und von deren Mann genötigt, bei ihnen im Haus am See zu nächtigen. Dort wird Hannah auf Julia stoßen, die Tochter, eine Klima-Aktivistin, die sich vom ehrgeizigen Komfortleben der Eltern abwendet. Julia ist die Frau auf dem Foto. Mit Hannahs Vater, der ein Wolkenbuch über das Aufziehen und Vergehen schrieb – mit ihm scheint sich Julia enger verbunden gefühlt zu haben, als mit dem eigenen Vater.

Sympathien für „Fridays for Future“

Der Roman umkreist die Frage: Wo komm’ ich her, wo geh’ ich hin? Er handelt – etwas vollgepackt – von Lebenskonzepten und Generationskonflikten. Von Düffel schreibt vor der Folie des Klimawandels flüssig und spannend, nur die gespreizt prototypischen Charaktere wirken bühnengerecht knapp konstruiert. Trotzdem lässt sich gut in den vom Hier und Heute handelnden „brennenden See“ eintauchen.

Die Handlungsspanne reicht gerade mal vier Tage. Die Kapitel in einem wieder mal zu heißen April sind mit Wettermeldungen voneinander abgegrenzt. Sie führen von gelegentlich leichten Wolkenfeldern zu sintflutartigen „katastrophalen Verhältnissen“. Ganz soweit kommt es in der Geschichte ­– mit spürbarer Sympathie für „Fridays for future“ – nicht.

John von Düffel wurde unter anderem mit dem Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen und mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet.

Das Sommersemester an der Leuphana läuft digital. Heine-Gastdozent John von Düffel wird mit den Studierenden am 25. und 26. Juni aber vor Ort einen Workshop durchführen. Ein von Philipp Hammermeister geleitetes Begleitseminar hat sich mit Autor und Werk befasst.

Die öffentliche Veranstaltung am Donnerstag, 25. Juni, um 18.30 Uhr wird als Livestream (www.leuphana.de/heinrich-heine-gastdozentur) und später als Aufzeichnung auf dem YouTube-Kanal des Leuphana College sowie auf der Internetseite des Literaturbüros gezeigt. Joachim Dicks von NDR Kultur spricht mit John von Düffel über Poetik – und seinen aktuellen Roman.
Die Heinrich-Heine-Gastdozentur 2020 wird von der Sparda-Bank und dem Deutschen Literaturfonds unterstützt.

Von Hans-Martin Koch