Die Cholera-Kammer im Lüneburger Rathaus – ein Ölgemälde von Ernst Pfannschmidt. (Foto: Museum Lüneburg)

In der Cholera-Kammer

Lüneburg. Im Bildermagazin des Museums befindet sich ein etwas ramponiertes Ölgemälde mit der Darstellung einer menschenleeren Kammer. Mauerwerk, Holzverstrebungen und bleiverglaste Fenster deuten das Alter des Bauwerks an, in dem der Raum wohl als Abstellkammer diente. Doch die darin abgestellten Gegenstände sind im diffusen Seitenlicht kaum zu identifizieren. Rechts unten hat der Künstler sein Bild signiert und auf das Jahr 1892 datiert. Eine Notiz auf der Rückseite gibt der ohnehin düsteren Darstellung einen morbiden Anstrich: Demnach blicken wir in die „sogenannte Cholera-Kammer im Rathaus Lüneburg“.

Die Cholera ist eine Infektionskrankheit, die erstmals 1817 von Indien aus pandemisch ausbrach und die Welt durch wiederkehrende Wellen über Jahrzehnte in Angst und Schrecken versetzte. Es handelt sich um eine bakterielle Darminfektion, die hauptsächlich durch verunreinigtes Trinkwasser übertragen wird. Sie führt zu heftigen Durchfällen und Erbrechen und kann unbehandelt in wenigen Stunden zum Tod führen. Gelangen die Bakterien mit den Fäkalien infizierter Menschen wieder ins Trinkwasser, kann dieser Teufelskreis zu dramatischen epidemischen Verläufen mit zahlreichen Toten führen.

Fast die Hälfte aller Krankheitsfälle endet tödlich

Die genauen Ursachen und Übertragungswege der Cholera blieben zunächst, im „vorbakteriellen Zeitalter“ der medizinischen Wissenschaft, noch völlig ungeklärt. Der Schrecken der Seuche wurde dadurch noch gesteigert. Ähnlich plötzlich ausbrechend wie die Pest, endete die Cholera in knapp der Hälfte aller festgestellten Krankheitsfälle tödlich.

Lüneburg war 1831 von der ersten großen Welle von Cholera-Infektionen in Europa betroffen – im gleichen Jahr wie Istanbul, Wien oder Berlin und nur wenige Wochen nach Hamburg, wo am 5. Oktober 1831 der erste Fall gemeldet worden war. Am 28. Oktober verstarb in Lüneburg der Arbeiter Lenz infolge starker Durchfälle. Der Stadtphysikus Dr. Ernst Münchmeyer fand bei der Obduktion alle Anzeichen der Cholera bestätigt. Noch am gleichen Tag wurde der Ausbruch in Lüneburg öffentlich gemacht. Bis zum 23. November wurden 76 Krankheitsfälle verzeichnet, von denen 46 tödlich endeten. Die meisten Erkrankungen waren dabei in den engen und häufig verwahrlosten Quartieren im Wasserviertel entlang der Ilmenau aufgetreten.

In einem 1832 gedruckten Bericht über „Auftreten und Verlauf der bösartigen Cholera in Lüneburg“ konnte Münchmeyer zwar über die Ursachen der Erkrankung auch nur spekulieren – doch deuten sich in seinen Beobachtungen einige richtige Schlussfolgerungen an. So bemerkte er, dass fast alle Häuser, in denen die Cholera ausgebrochen war, ihr Wasser direkt aus der Ilmenau bekommen hatten und stellte fest: „Mindestens dürfte an jedem Ort, wo die Cholera droht, Aufmerksamkeit auf das Wasser wichtig sein.“ Allgemein setzte sich die Erkenntnis, dass sich die Cholera über das Trinkwasser ausbreitet, erst in den 1860er-Jahren durch.

Lüneburg war 1831 der einzige Ort im damaligen Königreich Hannover geblieben, der nennenswert von der Cholera heimgesucht wurde. In den Jahren 1832, 1837, 1848 und 1855 kam es in der Stadt an der Ilmenau zu erneuten Ausbrüchen: ein regionaler Hotspot! Das Ministerium in Hannover kam bei einer Untersuchung 1855 zu dem Schluss, dass die mittelalterliche Enge der noch von Wällen umgebenen Stadt, das Zusammenleben von Mensch und Vieh und die insgesamt schlechten hygienischen Verhältnisse Lüneburg besonders anfällig für diese Seuche machten.

Nach erstem Widerstand gegen das ministeriale Gutachten unternahm der Magistrat ab etwa 1860 erhebliche finanzielle Anstrengungen, um den Sanitätszustand der Stadt zu verbessern: Die Wälle wurden niedergelegt, die Wasserversorgung verbessert, die Modernisierung des mittelalterlichen Kloakensystems begonnen – und insgesamt ein viel stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der Hygiene für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung geschaffen. Die Choleragefahr wirkte hier als Beschleuniger notwendiger struktureller Veränderungen.

Die Maßnahmen griffen. Die letzte europaweit grassierende Pandemie des Jahres 1873 berührte Lüneburg nur leicht. Als die Cholera im August 1892 noch einmal lokal verheerend in Hamburg aufflammte, wo in den labyrinthartigen Quartieren des Gängeviertels innerhalb weniger Wochen Tausende starben, wurden in Lüneburg umgehend vorbeugende Schutzmaßnahmen eingeleitet: Reisende am Bahnhof medizinisch kontrolliert, jegliche Ein- und Ausfuhr aus oder nach Hamburg untersagt, Vergnügungsveranstaltungen verboten, Messen und Märkte abgesagt, der Handel mit Kleiderlumpen und gebrauchter Wäsche verboten. Allgemein wurde empfohlen, im Zweifelsfall nur abgekochtes Trink- und Brauchwasser zu verwenden. Seit Robert Koch 1884 das Bakterium Vibrio cholerae als Erreger der Cholera identifiziert hatte und die dramatischen Folgen verunreinigten Trinkwassers deutlich geworden waren, ließ sich die Krankheit sehr viel effektiver eindämmen. Bis November 1892 mussten in Lüneburg lediglich sechs Reisende mit verdächtigen Symptomen behandelt werden. Sie wurden in einer als Lazarett genutzten Baracke auf dem Schützenplatz versorgt. Einer von ihnen starb. Die Lüneburger Bevölkerung kam mit dem Schrecken davon.

Funktion der Kammer schwer zu entschlüsseln

Zurück zum Bild der Cholera-Kammer, das in genau diesem Jahr 1892 entstand. Womöglich lagerten hier Koffer und Säcke mit Kleidungsstücken von Reisenden, die laut einer Regierungsverordnung vorsorglich desinfiziert oder für einige Tage außer Gebrauch gesetzt werden mussten. Mit Gewissheit ist die Funktion des düsteren Raumes aber nicht zu entschlüsseln. Eine „Cholera-Kammer“ wird im Verwaltungsschrifttum der Stadt, das die Maßnahmen gegen die Cholera des Jahres 1892 ansonsten akribisch auflistet, jedenfalls mit keinem Wort erwähnt.
So können wir das Bild heute nur als Symbol verstehen: Für den düsteren Schatten einer Seuche, die das 19. Jahrhundert mitgeprägt hatte und 1892 noch einmal wie ein fernes Unwetter mit dunklem Grollen an Lüneburg vorbeigezogen war.

Es bleibt abzuwarten, welche Bilder später unser Erleben der aktuellen Corona-Pandemie symbolisieren können, und welche Objekte ins Museum eingehen werden, um zukünftig die Geschichte der Seuchen in der Stadt Lüneburg zu erzählen.

Von Ulfert Tschirner