Sonntag , 25. Oktober 2020
Der aus Scharnebeck stammende Filmkomponist Jan Willem De With schickt Grüße in die Heimat aus seinem Home-Kompositionsstudio in London. (Foto: privat)

Frei, sicher und ziemlich einsam

London/Scharnebeck. Er galt als vielversprechendes Talent, als Jan Willem De With vor vier Jahren den Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg erhielt. Drei Jahre zuvor, 2013, war der Scharnebecker bereits als Finalist des Wettbewerbs „Dein Song“ aufgefallen. Der Scharnebecker hatte ein klares Ziel: Er wollte Filmkomponist werden. Der 25-Jährige hat es geschafft, lebt und arbeitet in London, gewann gerade den Oticons Faculty Grand Prize 2020, einen der originellsten und herausforderndsten internationalen Filmmusik-Wettbewerbe. Nun muss er wie alle frei arbeitenden Künstler mit Corona-Beschränkungen fertig werden und hat Zeit für ein Interview.

Wenn Sie auf die vergangenen zwei, drei Jahre blicken, was waren da für Sie entscheidende Karriereschritte?

De With: In den vergangenen Jahren ist wirklich viel passiert. Nach dem Kulturförderpreis 2016 folgte der Deutsche Filmmusikpreis im selben Jahr und damit eine wichtige Auszeichnung. Sie ermutigte mich, meinem Weg zu folgen. Nach meinem Filmmusik-Bachelor in Zürich erhielt ich ein Stipendium vom DAAD für das Royal College of Music in London, wo ich meinen Master in Filmmusik absolvieren durfte. Seitdem lebe und arbeite ich als freischaffender Filmkomponist in London. Wichtige Momente auf diesem Wege waren Filmmusik-Produktionen im berühmten Abbey Road Studio in London sowie Aufnahmen in Prag mit dem City of Prague Philharmonic Orchestra, welches ich dirigieren durfte.

Im vergangenen Jahr wurde ich von der Household Division des Vereinigten Königreichs beauftragt, einen Marsch zu komponieren. Neben der Komposition für Filmmusik engagiere ich mich als Dozent für Filmmusik an der London South Bank University, auf Festivals und Kongressen wie dem Medienforum Mittweida oder dem Lüneburger Short-Film-Festival IM.KASTEN. Ich möchte damit bei jungen Filmemachern das Bewusstsein für Musik und Sound im Film wecken.

Fühlen Sie sich aktuell in London gefangen?

Ein wenig schon. Die Selbst-Isolierung hindert mich derzeit dennoch eher wenig. Als Komponist sitze ich die meiste Zeit sowieso für mich im Studio. Sicherer, aber auch einsamer geht es wohl kaum! Dementsprechend vermisse ich das pulsierende Leben Londons, die Menschen, die kreativen Interaktionen – und natürlich die Heimat und Familie. Zwar musste ich Filmmusik-Aufnahmen im Studio absagen. Kreativität findet aber dennoch ihren Weg.

So entstand zum Beispiel für den Animationsfilm „Flatten The Curve”, eine Corona-Initiative von „Studio Desk Animation“, eine Filmmusik buchstäblich im Wohnzimmer, unter Quarantänebedingungen.Hierfür arbeiteten wir mit 90 Animationsdesignern aus der ganzen Welt zusammen.

Ist es richtig, dass Sie ein eigenes Tonstudio betreiben?

Ich habe ein Home-Kompositionsstudio und kann darum die meiste Zeit von zu Hause aus arbeiten.

Als Komponist sind Sie, anders als Musiker, nicht von Auftritten abhängig, ist das nicht ein Vorteil?

Ja und nein! Glücklicherweise bin ich bisher noch nicht allzu sehr von den Auswirkungen des Virus betroffen. Zwar wurden einige Filmprojekte, die unter anderem in den Hotspots von New York und China gedreht werden sollten, verschoben, ich konnte aber bisher weiterhin meiner Arbeit als Komponist nachgehen. Da ich aber auch als Bühnenmusiker hier und da auftrete, fällt zu diesen Zeiten eine weitere Einnahmequelle weg.

Sehen Sie Ihre Existenz bedroht?

Zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Dennoch ist die Zukunft für mich durch Corona und Brexit besonders schwer einzuschätzen. In meinem Kollegenkreis sehe ich, wie sehr diese Pandemie das Leben vieler Musiker und Komponisten beeinflusst. Das bereitet mir schon Sorgen.

Von Hans-Martin Koch